Frauenseelsorge

Erzdiözese München und Freising

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Gertrud von Nivelles ist eine besondere Heilige, wenn auch wenig bekannt.
Ihre Attribute, die sie in der Kirche von St. Gertraud in Dreikirchen (Südtirol) in Händen hält, verweisen auf den matriarchalen Hintergrund der großen Tod-im-Leben-Göttin früherer Zeiten: die Schale des Lebens ist ein urweibliches Symbol des Wandels und bedeutet, dass sie das Leben gibt und am Ende wieder zurücknimmt. Die Spindel mit dem Lebensfaden wiederum ist mythisches  Erbe der Schicksalsgöttinnen, der drei  germanischen Nornen, der griechischen Moiren oder römischen Parzen, die den Lebensfaden der Menschen spinnen, ihn zumessen und am Ende abschneiden. Ebenfalls in Dreikirchen  am Altarbild gibt es eine Abbildung von der Heiligen im schwarz-weißen Äbtissinnengewand. Der Faden am Spinnrocken wird von den Mäusen abgebissen, hier ist sie also eindeutig die Tödin, in der Tradition der alten Göttinnen wie Freya, Perchta oder Holla.
Dabei war Gertrud eine christliche Äbtissin, Tochter Pippins des Älteren, aus der  Stammfamilie der Karolinger, die im 7. Jahrhundert im belgischen Kloster Nivelles lebte. Daher  sind Stab und Buch auch ihre christlichen Attribute. Sie soll – ungewöhnlich für eine Frau ihrer Zeit – nicht nur  Bibel und Liturgie studiert und  eine große Bibliothek angelegt haben, sondern auch die ersten Spitäler für Pilger und Reisende gegründet haben. Daher wurde sie im Mittelalter als Patronin aller Reisenden verehrt. Erni Kutter* nennt sie in ihrem Buch „Schwester Tod“ eine Seelengeleiterin und Herbergsmutter, die im 15. Jahrhundert um einen seligen Tod angerufen wurde und den Seelen der Verstorbenen Rast  gewährte.
Zu ihrem Doppelaspekt gehört, dass sie im Volksglauben zu den beliebten Frühlingsbotinnen zählt – ihr Festtag ist der 17. März – die „erste Gärtnerin“ im Frühjahr  wurde als Lebensbringerin für das neue Grün zur Schutzheiligen für diesen Berufsstand. Eine Wetterregel lautete: „Ist St. Gertraud sonnig, wird`s dem Gärtner wonnig.“ Im Bistum Würzburg und Bamberg wurde sie besonders verehrt. Bischof Otto I. von Bamberg ließ 1102 im Andenken an ihre Gastfreundschaft für Reisende ein Gertrudenspital errichten.**

Johanna Hofmann-Mörwald

 

* Erni Kutter, Schwester Tod, Kösel-Verlag, München 2010, S. 112 f. 

** Literatur: Annette Faber, Unsere Heiligen, Verlag Fränkischer Tag,  2000, S. 71/72.

 

*** Gertrud, Äbtissin von Nivelles, mit Schale und Spinnrocken, die damit in den Spuren der aslten Tod-im-Leben-Göttin geht, Hüterin des Lebens und Seelenbegleiterin nach dem Tod.

Gertrud von Nivelles, St. Getraud, Dreikirchen, Südtirol


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