Frauenseelsorge

Erzdiözese München und Freising

Dorothea mit dem Blumenkörbchen

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Was bedeuten Blumen und Früchte, mitten im Winter? Was ein Korb, gefüllt mit den Gaben der Natur, ja vom Baum des Lebens im Paradies? Das Haupt-Attribut der Heiligen, deren Gedenktag seit dem 11. Jahrhundertam 6. Februar begangen wird, ist der Korb mit Früchten und Rosen. Im Mittelalter wurde sie häufig als eine der „Virgines capitales“, als vierte heilige Jungfrau, zu den drei heiligen Madeln gezählt, oft mit Maria und dem Jesusknaben abgebildet.
Die Legende der frühchristlichen Märtyrerin Dorothea, (ihr Name bedeutet Gottesgeschenk), die sich um diesen Korb rankt, weist märchenhafteund mythische Züge auf: sie wurde als jüngste von 3 Töchtern des Senatorenpaares Dorus und Thea in Rom geboren und floh mit ihren Eltern und Schwestern vor der Verfolgung aus Rom (unter Diokletian um 304) nach Kapadozien. Dort sollte sie den dortigen Statthalter Fabricius heiraten. Als „Braut Christi“ und selbst bestimmt lebende Jungfrau verweigerte sie die Ehe mit ihm und wurde daher vielfach gemartert. Auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung spottete der Schreiber des Richters, Theophilus, sie solle ihm doch jetzt im Winter Rosen und Früchte aus dem Paradies, dem Garten ihres himmlischen Bräutigams, schicken, dann würde er auch glauben. Und so geschah es: ein kleiner Junge, bzw. Engel brachte ihm nach ihrem Tod ein Körbchen mit Äpfeln und Rosen als Gruß und „Lebenszeichen“ von Dorothea. Daraufhin, hieß es, bekehrte sich Theophilus und starb als Christ.
Im Blick auf die Geschichten um Dorothea lassen sich verschiedene Schichten der Überlieferungen erkennen: sie verkörpert nicht nur Glaubensmut und Paradiessehnsucht einer christlichen Märtyrerin, sondern ist in dieser Gestalt auch ein Symbol für das unbesiegbare Leben. So wurden in  der vorchristlichen Zeit im keltisch-germanischen Kulturkreis die drei Matronen als thronende Frauendreiheit mit Fruchtschalen auf dem Schoss dargestellt.
Bei Dorothea wird der „Kessel der Alten“ im Winter aus dem matriarchalen Erbe neu durchmischt und bringt Blumen und Früchte hervor, mitten im Winter: Äpfel und Rosen sind Früchte der Liebe und Attribute der früheren Liebesgöttinnen.
In späteren Zeiten wurde ihre Geschichte vermännlicht und ein Heiliger übernahm ihre Zuständigkeit: der hl. Valentin, Helfer und Patron der  Liebenden, sein Gedenktag ist der 14. Februar. Er soll als Bischof von  Terni im 2. Jh. heimlich Liebespaare getraut haben, die dies wegen ihres gesellschaftlichen Standes oder wegen Einwände der Eltern nicht offiziell durften. Der Valentinstag wird heute als säkularisierter Festtag begangen, verschenkt werden  Rosen und andere kleine Liebesgaben. Nicht zufällig trifft beider Gedenktage in die Lichtmesszeit, einer Zeit für Träume und Visionen, für Herzenswünsche, die im laufenden Jahr in Erfüllung gehen mögen. Die Hoffnung auf Wiederkehr des Frühlings geht einher mit dem spirituellen Wunsch Dorotheas nach ihrem Seelenbräutigam, nach Erfüllung und „Heiliger Hochzeit“. Die Sehnsucht nach Ganzheit (Animus und Anima) und Erfüllung (Paradies) kennen auch wir heutigen Menschen, das spirituelle Bedürfnis nach Rückbindung  (Religio)  an unseren Ursprung in der göttlichen Wirklichkeit. Marie Luise Kaschnitz hat es in einer ihrer Erzählungen zu Adam und Eva beschrieben:
„‘... Die Kinder‘, sagte Adam streng, ‚sind träge und leichtsinnig. Sie wissen nicht, was arbeiten heißt und werden elend zugrunde gehen.‘ ‚Es wird schon noch etwas aus ihnen werden‘, sagte Eva. ‚Und was wird aus uns?‘ fragte Adam und stützte seinen Kopf auf die Hand. ‚Wir bleiben zusammen‘, sagte Eva. ‚Wir gehen zurück in den Garten.‘ Und sie legte ihre Arme um Adams Hals und sah Ihn liebevoll an. ‚Ist er denn noch da?‘ fragte Adam erstaunt. ‚Gewiss‘, sagte Eva. ‚Woher meinst du denn‘, fragte Eva, ‚sollte ich sonst die Reben haben, die ich dir gebracht habe; und woher, meinst du, dass ich die Zwiebel der Feuerlilie hatte; und woher, meinst du, hatte ich den schönen funkelnden Stein?‘ ‚Woher hattest du das alles?‘ fragte Adam. ‚Die Engel‘, sagte Eva, ‚haben es mir über die Mauer geworfen. Wenn wir kommen, rufe ich die Engel und dann öffnen sie mir das Tor.‘
Adam schüttelte langsam den Kopf, weil eine ferne und dunkle Erinnerung ihn überkam. ‚Gerade dir‘, sagte er. Aber dann fing er an zu lachen, laut und herzlich, zum ersten Mal seit ach wie langer Zeit.“ (Kaschnitz, M.L., Erzählungen, Hrsg. Marcel Reich-Ranicki, Deutscher Bücherbund, Stuttgart, S. 57ff )

Johanna Hofmann-Mörwald

 

* Dorothea mit dem Blumenkörbchen, heilige Jungfrau und Martyrerin, deren Sehnsucht nach dem Paradies und ihrem Seelenbräutigam Früchte und Blumen trägt, die Vision und Verheißung der Lichtmesszeit verkörpert, noch vor dem heiligen Valentin, und die mit ihrem Attribut in der Nachfolge der drei Matronen steht.

Hl. Dorothea, Kirche Oberstadion, Oberschwaben


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