Frauenseelsorge

Erzdiözese München und Freising

Frau mit Rad

So nannte Max Hunziger, ein Schweizer Künstler dieses Bild.
Mir kommt vor, als wäre diese Frau vorher sehr lange in dem Rad gewesen; im „Tretrad“ ihres Alltags oder durch die Mangel der Geschehnisse gedreht worden  in krisenhaften Zeiten ihres Lebens. Vielleicht auch wurde sie  gehetzt und herumgewirbelt durch Ansprüche, die andere an sie hatten oder die sie  an sich selber stellt.  Keine Ruhe, nur Bewegung, Eile, Routine, endlose Wiederholung im Auf und Ab und wieder von vorne.

Jetzt ist sie völlig erschöpft, wie gerädert, und kann nicht mehr. Sie  hat sich verausgabt im Durchdrehen und Durchgedreht werden, in den dauernden Wiederholungen ohne klares Ziel, ohne Sinn. Ihre Kraft wurde verbraucht zwischen den Speichen des Rades. Jetzt ist es genug! Endlich Pause. Heraustreten aus dem Rad. Es von außen wahrnehmen, zur Ruhe kommen. Sich auf dem Rad abstützen, es als Ablage für sich selbst benutzen, so kommt auch das Rad zur Ruhe.

Frau mit Rad, was ist alles geschehen, bis du nun so niedersinken konntest, da kniest am Rad und deinen müden Kopf auf deine Hände legst? Endlich nichts mehr müssen: nichts mehr auf den Weg bringen, nichts am Laufen halten, nicht mehr funktionieren!  Keine Drehungen und Verrenkungen mehr! Sich los lassen, sich sein lassen, ankommen bei sich selbst. Den ruhenden Pol in der Mitte des Rades entdecken, der ruhig bleibt, auch wenn sich alles um ihn herum dreht. Abgeben alle Betriebsamkeit, alle kreisende, schiebende und vorwärts drängende Energie. Mir auf den Grund kommen, die Stille zulassen – noch ist es nicht Muße, die empfunden werden kann, eher eine große Leere nach dem Zuviel von Bewegung vorher. Jetzt nicht wieder flüchten in Irgendwas, sie aushalten, auskosten, sie ist kostbar, aus ihr heraus kann Neues werden. Vertraue dem innersten Impuls, der kommen wird, nachdem genug Ruhe sein durfte. Was wird sich melden, wenn du dich ge-lassen hast, gelassener wirst? Entspannung? Sehnsucht wie ein zarter Flügelschlag: sachte, achtsam, lebendig. „Mein Atem heißt Jetzt“, schreibt Hilde Domin. Und: wohin soll die Reise gehen?

Frau mit Rad, ich möchte dir wünschen, dass du so lange noch  verharren kannst, bis dein innerster Impuls sich zeigt und dir den Weg weist. Dass deine tiefste Sehnsucht ans Licht kommen möge, und dir bewusst wird, dass du frei bist und wählen kannst: wie du leben willst, am Rand oder in der Mitte und in welche Richtung es gehen soll. Und dass du genießen kannst, welch lustvolle Bewegung es ist, wenn die Kraft dazu aus der Ruhe kommt!

So hätte es sich gelohnt, dass du herausgetreten bist aus dem Rad und seinen Verflechtungen, dass du innegehalten hast und die Ruhe gewagt – dass du dir die Chance gegönnt hast, dich loszulassen und wieder zu finden, und dich  einzufinden an deinem Platz im großen Ganzen. „Halt an! Nichts ist, was dich bewegt. Du selber bist das Rad, das aus sich selber läuft und keine Ruhe hat.“ Der Mystiker Angelus Silesius schrieb diesen Vers in seinem „Cherubinischen  Wandersmann“ und der Maler hat ihn unter sein modernes Lebensrad gesetzt. Und da sind wir nun.

Johanna Hofmann-Mörwald