Frauenseelsorge

Erzdiözese München und Freising

Die heilige Anna

Mutter Mariens, Großmutter Jesu und "Große Mutter" für Menschen aus alter und neuer Zeit

Anna ist einer der ältesten Namen und heute wieder "in". "An" ist eine der sechs Ursilben der Menschheit (nach R. Vester) und bezeichnet etwas verehrungswürdiges, uranfängliches Weibliches.Im Deutschen: Ahne = Altmutter, Vorfahrin.

Uns am ehesten bekannt ist Anna aus der jüdisch-christlichen Überlieferung, wobei sie in den kanonischen Schriften der Bibel nicht vorkommt. Die Volksfrömmigkeit und Künstler in der Kirchengeschichte jedoch haben sich aus den apokryphen Schriften - vor allem dem Protoevangelium des Jakobus - fleißig bedient.

Das Annenleben wird hier anschaulich in seinen Höhen und Tiefen geschildert, dass jede Frau sich in ihrem Freud und Leid in sie hineinversetzen kann. Dennoch bleibt sie die hohe und ehrwürdige Frau, die angerufen wird in vielen Nöten und tiefes Vertrauen weckt. In vielen Ikonen der Ostkirche finden wir Darstellungen aus dem Annen- und Marienleben.

Zum geistigen Hintergrund der Entstehung des Annenkultes

Wohl wurde sie im 5. Jahrhundert bereits im Hl. Land verehrt und nachweislich im 8. Jh. auch schon in Rom; doch beginnt die Blütezeit ihrer Verehrung im deutschen Sprachraum um 1450. Sie wird verständlich auf dem Hintergrund der damaligen Zeitgeschichte. Das mittelalterliche Weltgefüge droht zu zerbrechen, Angst und Unheil gehen um: Unheil verkündende Zeichen am Himmel werden gesehen, Geißler ziehen durch das Land, Kinder brechen zu Kreuzzügen auf, der Schwarze Tod geht um…Das Gottesbild des rächenden Gottes trägt nicht mehr, milde Fürsprecher werden gesucht.

In solcher Verzweiflung erinnert sich das Volk an mächtige, alte Helferinnen: die "Drei Ewigen", die Bethenfrauen, Heilsräthinnen in Bayern und die 14 Nothelfer werden lebenswichtig; darunter die weibliche Dreiheit Barbara, Margareta und Katharina, die drei heiligen Madln" genannt. Vor allem aber wird Maria zur Zuflucht und die Grosse Mutter Anna, die noch näher den Quellen, dem Wurzelgrund des Heils, erscheint.

Selbst Martin Luther verehrt sie trotz reformatorischer Strenge in Rückbindung an das "reine Wort". Die Bildkraft der "Magna Mater" wirkt stark, sie wird als Lebensmutter und Todesmutter angerufen. Das Volk kommt mit Bitten um die Fruchtbarkeit des Leibes und der Erde zu ihr, sie fungiert als Wetterfrau und Schutzfrau der Bergleute. Sie ist sogar die Matronin der Schweizer Gardisten im Vatikan!

Berühmte Annen-Wallfahrten gibt es in Düren im Rheinland, auf dem Annaberg in Sachsen und dem in Schlesien. In Bayern weist Sulzbach-Rosenberg (mit seinen Erzgruben) eine lange Wallfahrtstradition auf. Auf dem Walberla, einem alten Frauenberg in Franken, wird alljährlich das Annafest um den 26. Juli gefeiert und im Münchner Kirchlein in Harlaching wird sogar der "Annendreißiger" als besondere Kultzeit begangen.

Am nachhaltigsten lässt sich die Annenverehrung an den Darstellungen der "Anna Selbdritt" ablesen, die vielfältig im Spätmittelalter geschaffen wurden; wir finden sie in kleinen Dorfkirchen ebenso wie in den großen deutschen Domen und europäischen Kathedralen. Zwei Muster sind zu erkennen: in den älteren Darstellungen steht die urmütterliche Gestalt der Anna im Mittelpunkt: Erdmutter Anna (oft im grünen Kleid!), die eine junge Maria (oft mit der Mondsichel oder mit Sternen abgebildet) und Christus, das göttliche Sonnenkind (Licht der Welt), auf dem Arm trägt. Die spätere Darstellungsart gleicht eher einer Familienszene: Großmutter und Mutter, die ein Kind zwischen sich halten.

Des Weiteren gibt es Abbildungen mit Anna und dem Buch, die Maria unterweist. Gedeutet als die hebräische Bibel oder auch allgemein als Symbol weiblicher Weisheit, die an die nächste Generation weitergegeben wird.

Verbreitet waren außerdem Darstellungen der "Heiligen Sippe", der Großfamilie Jesu, Symbol der Fruchtbarkeit. Dass diese hier vor allem auch im spirituellen Sinn verstanden werden sollte, zeigt die Überlieferung, dass die Kinder der drei Marien (Töchter Annas) oft die Apostelnamen bekamen.

So ist Anna Vertreterin des Alten Testaments und Brückenfigur zum neuen; sofern sie als Wurzelgrund der "Säulen der Christenheit" verstanden wird. Nach den Legendentexten ist sie vor allem auch Vorbild der Glaubenden.

Die Stationen ihres Frauenlebens, wie sie uns überliefert wurden, enthalten selbst für uns heutige Frauen aktuelle Wegweisung.

Anna Selbdritt

Predigt von Johanna Hofmann-Mörwald 
am Sonntag, 16. Juli 2006 in Sulzbach-Rosenberg

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