Frauenseelsorge

Erzdiözese München und Freising

Der Frauendreissiger

Kräuterbuschen in der Fränkischen Schweiz

Am 15. August wird von der kath. Kirche traditionell das Fest „Maria Himmelfahrt“ begangen. Theologisch korrekter ist es das Fest der „Aufnahme Mariens in den Himmel“, der Tag des Marientodes. Hier beginnt der Frauendreißiger als alte Kultzeit zwischen dem „Großen „und dem „Kleinen Frauentag“, dem 8. September, an dem das Fest „ Maria Geburt“ gefeiert wird.

In Legenden wird erzählt, dass die Apostel, als sie das Grab Mariens öffneten, duftende Blumen und Kräuter darin fanden. In alten Gebeten wird Maria als „Blume des Feldes“ oder auch „Lilie der Täler“ bezeichnet; sie hat wohl schon früh die Attribute der alten Vegetationsgöttin, die als „ Tod-im-Leben-Göttin“ verehrt wurde, übernommen. Diese tritt nach früheren Auffassungen im späten Sommer die Reise in die „Anderswelt“ an und hinterlässt ihre heilenden Kräfte den Menschen in den Kräutern, deren Stängel und Wurzeln vor allem um diese Zeit gesammelt wurden. Bezeichnenderweise ist am 14. September, wenn die 30 Tage voll sind, der Festtag der hl. Notburga, der Schnitterin mit Sichel und Ähren. Und am 16. September der Tag der drei Bethen, mutmaßlich die vorchristlichen Schwestern der „drei Marien“.

In der Antike war dies auch der Feiertag der Jungfrauengöttin Artemis – Diana. In Griechenland fanden in dieser Zeit früher die Eleusinischen Mysterien statt zu Ehren der alten Mutter- und Getreidegöttin Demeter. Tod und Wiedergeburt als zyklisches Geschehen wurden analog zur Natur rituell gefeiert: Die triadische Gottheit ist Kore, das junge Mädchen (Frühling) in der Farbe weiß; ist Persephone, die Frau in der fruchtbaren Zeit des Sommers in der Farbe rot, und schließlich Hekate, die weise Alte und Winterfrau in der Farbe schwarz, der Farbe der ruhenden und fruchtbaren Erde.

So ist die Zeit des Frauendreißigers eine große Übergangszeit; alles wandelt sich, die Schnitterin erntet und die Samen werden für den Winter bewahrt.

Die biblische neutestamentliche Entsprechung ist das Bild vom Weizenkorn, das in die Erde fallen muss, um Frucht zu bringen, wie es uns im Jesuswort überliefert ist. So wird deutlich, dass in matriarchaler Zeit dies auch eine Zeit des Totengedenkens war, denn Leben und Tod gehören zusammen, bedingen einander.

Unsre menschliche Aufgabe parallel zur Natur ist im Jahres- und Lebenslauf vom Sommer mit allen Sinnen jetzt zur Weisheit zu reifen; uns rituell und seelisch auf die Wandlung einzustimmen und so das Vergehen und Wiedererstehen zu begehen und zu feiern.

Das Brauchtum für diese Zeit ist alt und reichhaltig, und die keltische Tradition darin spürbar.

Die Geschenke der Erde im Hochsommer für die dunkle Zeit sammeln und ernten; die magischen Zahlen dabei beachten und rituell nutzen, wird deutlich bei der Anzahl der Heilkräuter, die in den Wurz- oder Weihbuschen für den 15. August zusammengebunden werden. Neun Pflanzen (also drei mal drei) sollten es mindestens sein, oder 7, auch wenn dies variierte nach Gegend und Überlieferung. Auch 33 oder 77 werden genannt, letztere habe ich als Kind noch für den Weihbuschen in drei Tagen vor dem 15. August gesammelt. Meine Mutter band ihn mit dem Wiegenband ihrer Großmutter zusammen, so wurde er im Herrgottswinkel angebracht - altes Frauenerbe in mehrfacher Hinsicht!

Erni Kutter[1], Forscherin zu alten Frauentraditionen in Bayern und Südtirol, ist der Auffassung, dass diese alte Kultzeit auch als „Seelenzeit“ für den Totenkult angesehen wurde. Die Bräuche zum großen Übergang waren hilfreich für die Menschen, um, Leben und Tod annehmen und besser bewältigen zu können. So wurde auch an Hochzeiten früher das Erinnern an Verstorbene als Toten Gedenken gepflegt, nicht nur an Allerheiligen. Rosmarin am Revers war ein Zeichen dafür. Inmitten der Welt ist die unsichtbare Wirklichkeit bereits vorhanden und präsent.

Die Kräuter sollten Menschen, Tiere, Haus und Hof schützen durch den rituellen Gebrauch.

In den Raunächten (Wort kommt von Räuchern!) wurde geräuchert, wie heute noch am letzten Tag dieser Zeit, dem Dreikönigstag, im christlichen Brauch. Ich erinnere mich noch, wie an den Hl. Abenden in meiner Kindheit, die Kühe die getrockneten und gerebelten Kräuter des Weihbuschens in ihr Futter gemischt bekamen (zur ersten der zwölf Raunächte!).

Was nicht mehr so bekannt ist, dass es eigens Kräuter gab für die Jungfrauenkraft, d.h. für Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit, Selbsthilfe, auch Empfängnisverhütung.

Und zur Erleichterung bei der Geburt: Frauen konnten sich dazu Beifußgürtel um die Hüften binden für eine leichtere Geburt. Namenshinweis: Artemisia, Kraut der Artemis und Machtwurz wurde der Beifuss genannt.

Auch der Holunder war wichtig: mit seinen weißen Blüten, den rot werdenden Früchten und den schwarzen zur Erntezeit symbolisierte er die drei wichtigen Lebensphasen. Und die Pflanzenwirkung wurde intensiviert indem sie „besprochen“ und damit verstärkt wurden!

Schließlich wurden auch die Kräuter gesammelt, die für den Übergang in die andere Welt, das Sterben, gut waren, zum Erleichtern und um die Toten auf ihrem Weg zu unterstützen.


[1] Erni Kutter: Der Kult der drei Jungfrauen. Kösel-Verlag, München 1997.

Für den Weihbuschen zur Kräuterweihe am 15. August,

waren und sind auch heute noch folgende Kräuter im Gebrauch. Aus der Fränkischen Schweiz kenne ich:

  • Die Königinnenkerze (für die Mitte), in Seengebieten wie im Chiemgau werden stattdessen manchmal Schilfkolben genommen!
  • Beifuss (Artemisia), und andere Wermutarten
  • Johanniskraut
  • Schafgarbe
  • Pfefferminze
  • Kamille
  • Baldrian
  • Ringelblume
  • Wegwarte
  • Frauenmantel
  • Zinnkraut
  • Eisenkraut
  • Goldrute
  • Taubnessel
  • Spitzwegerich
  • Leinkraut
  • Labkraut
  • Alant
  • Gartenwürzkräuter: Salbei, Rosmarin, Borretsch (Himmelsstern) Weinraute, Thymian
  • Rose (Blume für die Schönheit)
  • Malve
  • Holunder
  • Haselnuss (steht für Fruchtbarkeit)
  • viererlei Getreideähren
  • der große Wiesenknopf (Blutströpfchen)
  • Hauhechel
  • Mariendistel
  • Dost (wilder Majoran)
  • Rainfarn.
  • Odermennig.
  • kleinblättriges Weidenröschen
  • Tausendgüldenkraut ( steht unter Naturschutz, daher nicht mehr nehmen);

und noch einige andere, die nach Region variieren können.

Zusammengestellt von Johanna Hofmann-Mörwald