Frauenseelsorge

Erzdiözese München und Freising

BUCHTIPPS

Findelkind

Eva Maria Bauer

Wer waren die, von denen ich abstamme? – Eine Frage, die sich wohl alle Menschen im Laufe ihres Lebens stellen. Das Interesse an der eigenen Familiengeschichte wurde in der Autorin dieser ganz besonderen Münchner Frauengeschichte(n) geweckt, als sie durch Gespräche mit ihrer in die Demenz abgleitenden alten Mutter über das Wenige, das vom Leben ihrer Urgroßmutter bekannt war, ins Nachdenken kam. Ein Findelkind sei sie gewesen, diese Anna Maria Burkmaier, der man nach Auffinden in einem Körbchen auf den Stufen einer Münchner Kirche den Nachnamen Körblin gab, wie das damals bei ausgesetzten Kindern so üblich war: Der Findeort (hier: in einem Korb) bestimmte den Namen.

Wie fantasievoll Eva Maria Bauer schreiben kann, hat die ehemalige Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Sozialkunde schon als Autorin des Jugendbuchs „Der magische Skarabäus“ bewiesen. Unter dem Pseudonym Eva Marebu nimmt sie darin junge Menschen mit auf eine Zeitreise ins alte Ägypten. Nun lädt sie erneut ein zu einer Zeitreise, die diesmal in München um 1850 beginnt. Geschickt verbindet Bauer Ereignisse aus ihrer eigenen Familiengeschichte mit historischen Fakten aus der Geschichte der Isarvorstadt und spinnt das Ganze fiktiv ein in einen spannenden Frauenroman, dessen verbindender Erzählstrang vier Generationen an Schauplätzen wie Flaucher, Schlachthofviertel, Theresienwiese und Reichenbachbrücke vorstellt. Raffiniert gegliedert sind die Episoden aus der Vergangenheit durch „Mutter-Momente“: berührende, teils auch sehr heitere Gesprächsfragmente aus der Zeit, in der Bauer und ihre fünf Geschwister sich abwechseld um die demente Mutter kümmerten.

Sie müssen kein Münchner Kindl sein, um Gefallen an diesem mit viel Sprachgefühl verfassten Roman zu finden.

Eva M. Bauer: Findelkind, Stroux Edition 2020 ISBN-13: 9783948065089,Hardcover, 22 EUR

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Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky

Der 2017 veröffentlichte Roman von Mariana Leky „Was man von hier aus sehen kann“  stand 65 Wochen lang auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurde zum „Lieblingsbuch der Unabhängigen“ Buchhändler gekürt. Für mich im neu erschienenen Taschenbuchformat das erste Buch, in das ich seit langem wieder richtig eintauchen konnte. Die Handlung, die sehr überschaubar in drei Zeitebenen mit immer denselben Charakteren in einem Westerwälder Dorf spielt, passte so recht in diese Corona-Zeit, in der erfahrbar wurde, dass manches  Gute auch ganz nah sein kann.  

Doch zur Handlung.

Die Hauptprotagonistinnen sind Selma und Luise. Anders als ihre Namensverwandten Thelma und Louise aus dem gleichnamigen amerikanischen Roadmovie von 1991 zieht es die beiden nicht aus ihrer gewohnten Umgebung weg, hinein in radikale Abenteuer. Das Leben kann selbst in einem kleinen Dorf aufregend und voller nicht absehbarer Überraschungen sein. Selma ist die Großmutter von Luise, der Icherzählerin, die mit 10 Jahren den tragischen Verlust ihres besten Freundes verschmerzen muss.  Aus Kummer verfällt Luise in Selmas Arm in einen derart tiefen Schlaf, dass ihre Großmutter sie tagelang mit sich herumtragen muss. Die Autorin  spielt den Gedanken durch, was das eigentlich heißt: jemanden durch eine schwere Zeit tragen. Überhaupt stellt die Großmutter eine stabile Größe im Leben der Enkelin dar, deren Eltern sich auf ihre Weise am Leben reiben und zeitgleich mit ihrer Tochter erwachsen werden.  Zwischen den beiden Figuren Selma und Luise spannt sich ein großes Beziehungsnetz aus, das skurrile, aber auch ganz gewöhnliche Menschen an diesem Ort vereint, aus verletzten, suchenden, sympathischen und nervigen Existenzen besteht. Als Beispiel steht ein Optiker, der in Selma verliebt ist, aber zeit seines Lebens nicht die richtigen Worte findet für das, was diese eh schon weiß.

Mit 22 trifft Luise, die den Beruf der Buchhändlerin lernt, auf Frederik, einen buddhistischen Mönch, der ausgerechnet im Westerwald auf einem Retreat ist. Doch die Wege dieser Liebe sind kompliziert und es wird noch eine Zeit dauern, die es zu einem Happy End braucht.

Im Prolog beschreibt die Autorin das Phänomen des „Nachsehens“, der Eindruck des gerade gesehenen Bildes, das auf der Netzhaut bleibt, wenn das Auge von Licht übergeblendet wurde – ein nachhaltiger Eindruck, der bleibt – wenn das, was man lange ansieht, etwas Bedeutsames war. 
Die Stärke des Buches liegt darin, wie es der Autorin gelingt, menschliche Beziehungen zu charakterisieren und deren Gelingen in Abhängigkeit von Verbundenheit  und Nachsicht zu beschreiben. Vermutlich ist es das, was mich so angesprochen hat, denn erfahrungsgemäß bedürfen wir alle dieser Nachsicht, christlich übersetzt Barmherzigkeit, im Umgang miteinander. „Was man von hier aus sehen kann“  veranschaulicht eine bescheidene, aber auch hilfreiche Haltung dabei.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann, DuMont Buchverlag Köln,
Taschenbuchausgabe 2019, ISBN: 383216457X


Marion Mauer-Diesch

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Fünf Tage im Mai

Elisabeth R. Hager

An fünf Maitagen in einem Zeitraum von 18 Jahren erzählt Illy aus ihrem Leben: am Tag ihrer Erstkommunion, die eigenlich keine ist und ihre Zweitkommunion hätte werden können; an zwei Tagen ihrer Jugend, als die erste Liebe in der Katastrophe endet; an zwei Tagen als Kunststudentin, die zurückkehrt in die alte Heimat, das kleine Dorf in Tirol, um im Zeitraffer viel zu lernen über Lieben und Verantwortung, über Schuld und Trauer, über Lebensmut und Lebenslust. An allen Tagen ist Illys wichtigste Bezugsperson der sture Urgroßvater, von ihr liebevoll Tat’ka genannt, der zwar als ältester Mann im Dorf eigenltich ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten ist, der aber dennoch ihr Vorbild und Lehrmeister wird für all das, was wirklich wichtig ist im Leben, indem er sich selbst ins Herz schauen lässt. Berührend sind die Augenblicke, in denen die beiden ihre größten Geheimnisse teilen – auch die dunklen.

Der österreichischen Autorin gelingt es, nicht nur die Gefühlswelt der beiden Hauptfiguren durch meisterhafte Perspektivwechsel nahe zu bringen, sondern auch viel Tiroler Flair einzufangen. Mancher Ausspruch im Dialekt mag deshalb anfänglich gewöhnungsbedürftig sein, doch schnell wird klar: Er gehört zu den beiden Menschen wie die bergige Landschaft. Erstaunlich ist, wie gut Hager es versteht, die Sprache dem jeweiligen Lebensalter anzupassen. Sie reicht von kindlich-naiven Satzfragmenten über eher derben Teenager-Jargon bis hin zu antiquierten Formulierungen. Trotz des Gewichts der Lebensthemen überwiegt am Ende das Frohmachende, die Herzenswärme, die Zuversicht.

Ein faszinierendes Werk, das man nicht mehr aus der Hand legen möchte, bis auch das letzte Geheimnis gelüftet ist!

Elisabeth R. Hager: Fünf Tage im Mai, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2019
Buch/Hardcover: 20,00 EUR, ISBN: 9783608115857
eBook: 15,99 EUR, ISBN: 9783608962642


Irmi Huber

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Der Zopf

Laetitia Colombani

Als ‚Feminismus light‘ charakterisierte eine Tageszeitung den Debütroman der 1976 geborenen, französischen Autorin, Schauspielerin und Filmemacherin Laetitia Colombani – zu unrecht , denn leichte Lektüre ist dieser Roman nicht. Er geht unter die Haut, erschüttert, wühlt auf.

Was verbindet eine indische Mutter und ihre Tochter, die als Unberührbare keiner Kaste angehören und daher den niedrigsten Rang in der Gesellschaft einnehmen, mit einer italienischen Perückenmacherin, die die Leitung des Familienbetriebs in einer schweren Krise übernehmen muss, und einer krebskranken Juristin in Montreal? Der Buchtitel verrät bereits: das drei Kontinente verbindende Element sind Haare. Strähne für Strähne wird aus den Frauenschicksalen ein literarisch meisterlich geflochtener Zopf, der am Ende offen hängen bleibt – wie die Schicksale.

Kurz nachdem der Roman 2017 in der französischen Originalausgabe erschienen war, hatte man ihn auch schon in 28 Sprachen übersetzt. Die Autorin ist inzwischen mehrfach preisgekrönt. Die Filmrechte  sind vergeben. Und die Schar der Fans wächst.

Laetitia Colombani: Der Zopf. Roman. Übersetzt aus dem Französischen von Claudia  Marquardt.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2018. 285 Seiten, 20,00 EUR. ISBN-13: 9783103973518

Irmi Huber

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Ellen Ammann. Frauenbewegte Katholikin

Adelheid Schmidt-Thomé

Ihre Werke kennen sehr viele Menschen, ihren Namen nur wenige, denn Ellen Ammann, vielleicht die wirkmächtigste Gestalt der Katholischen Frauenbewegung, blieb zeitlebens unscheinbar und bescheiden. 1890 heiratete die 20-jährige Schwedin Ellen Sundström nach München, wurde katholisch und begann trotz rasch wachsender Familie, sich karitativ zu engagieren. Schritt für Schritt gestaltete die Pionierin der Frauensozialarbeit ihre Wahlheimat Bayern mit, setzte – getragen von einem tiefen Glauben an Jesus Christus – brillante Ideen um, motivierte unzählige Mitstreiter*Innen und formulierte Leitgedanken, die noch heute Gültigkeit haben. Vor gut einem Jahrhundert wurde sie als eine der ersten Frauen in den Landtag des jungen Freistaats gewählt. Sie gilt als Gründerin der Münchner Bahnhofsmission, des Mädchenschutzvereins (der sich heute INVIA nennt), des Münchner Zweigvereins des Katholischen Frauenbunds, der Katholischen Hochschule für Sozial-, Pflege- und pädagogische Berufe – und der Vereinigung katholischer Diakoninnen. Auch die Gründung der Polizeiseelsorge geht auf ihre Initiative zurück. Ihrer politischen Weitsicht ist sogar die Niederschlagung des Hitler-Putsches zu verdanken.

Unglaublich, wie viel Bewegung von ihr ausging, wie viele Menschen sich von ihr bewegen ließen und wie bewegend heute noch das Wirken dieser Frau ist, deren einprägsames Motto durchaus eine allgemeingültige Richtschnur für effektives Handeln sein könnte: „Nichts Außergewöhnliches, aber das Gewöhnliche außergewöhnlich gut!“

Im Juli jährt sich Ellen Ammanns Geburtstag zum 150. Mal. Rechtzeitig erschien nun ihr zu Ehren in der Reihe kleine bayerische biografien eine kurzweilige, hochspannende und ergreifende Zusammenfassung ihrer Lebensgeschichte im Buchhandel, deren Titel sie bereits als „frauenbewegte Katholikin“ würdigt. Die Autorin Adelheid Schmidt-Thomé ist keine Unbekannte, denn sie initiierte als Historikerin, Germanistin und freie Lektorin vor einigen Jahren mit großer Leidenschaft das Projekt „Vergessene Münchnerinnen“.

Adelheid Schmidt-Thomé: Ellen Ammann. Frauenbewegte Katholikin, Verlag Friedrich Pustet, München 2020
Buch/Softcover EUR 14,95, eBook EUR 11,90, ISBN 978-3-7917-3128-5

Irmi Huber

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Wie ein Gebet sei mein Leben. Ein Impuls-Tage-Buch zum Lesen und Schreiben

Andrea Schwarz

40 Impulse, was Beten alles sein kann. Die Verben, „Tuworte“, wie es früher hieß, sind alltäglich: hinschauen, ordnen, handeln, suchen, finden, unterscheiden, atmen, singen – und viele mehr. Die Autorin schlägt über diese Handlungen und Haltungen eine Brücke zu einer Dimension, die den Alltag unterbricht und übersteigt, und lädt ein, diesen Beziehungsraum zu entdecken. 

In ansprechender Form als Tagebuch mit Gummiband und Platz für eigenes Schreiben gestaltet, ist das neu erschienene Buch der bekannten spirituellen Autorin Andrea Schwarz ein anregender Begleiter, sich achtsamer für eine bestimmte Zeit auf den Weg zu machen. Das kann die Fastenzeit sein, muss aber nicht. 40 Tage, dafür bekommen wir in Corona-Zeiten ein ganz gutes Gefühl, sind eine nicht gerade kurze, aber überschaubare Zeit, in der sich etwas in der Beziehung zur Welt, zu sich selbst und zu Gott entwickeln, wachsen und wandeln kann.

Unter dem Begriff „träumen“ findet sich folgendes Gebet der Autorin

Jetzt

um
wirklich
zu werden

braucht
eine
Vision

viele Träume
verrückte Ideen
und Beharrlichkeit

was leicht aussehen mag
ist Ergebnis harter Arbeit
vieler Gedanken

ist Frucht des Gebets
Tanz des Lassens
Zärtlichkeit des Seins

was
sich
ergibt

ist
weil es
war

und
weil es
sein wird

(S. 86)

Die Stärke des Buches liegt in den frischen Gedanken und Anstößen, die die Autorin den Verben gibt, wie sie biblische Texte und Gebete anderer Autor*innen mit ihren eigenen zu einem roten Faden für den Tag verknüpft. Dabei entwickelt sich eine überraschende Dynamik und Intensität, geht es am Ende von „tragen“, „trauen“, „wandeln“, zum „werden“ und „sein“.

Das Gebet hat große Kraft, es macht frei und lebendig, wie schon Mechthild von Magdeburg wusste. Oder, wie es Andrea Schwarz formuliert: „…das Gebet kann mir jetzt die Kraft schenken, den Dingen, einer Situation oder anderen Menschen keine Macht über mich zu geben. Im Gebet kann sich eine neue und andere Dimension meines Lebens eröffnen“ (S. 172).  

Das Impulstagebuch ist eine überarbeitete Neuausgabe des 2002 unter demselben Titel erschienenen, ursprünglich als Begleiter für Exerzitien im Alltag gedachten Buches der Autorin, das rasch vergriffen war. Im hinteren Teil finden sich deshalb Anleitungen, wie mit den Impulsen umgegangen werden kann, Vorschläge zur Einbindung in den Tagesrhythmus mit Gebeten zum Einstieg und abendlichen Ausstieg. Wer schon einmal an Exerzitien im Alltag teilgenommen hat, wird hier viel Bekanntes finden, und hier kann die Rezensentin nicht auf einen Kritikpunkt verzichten:   

Die Aufmachung des Buches mit dunkelrosa Einband und Blümchengrafiken in den Innenseiten spricht deutlich eine weibliche Leserschaft an: Dafür hätte sich die Rezensentin mehr Bezugnahme auf weibliche Autorinnen gewünscht, ebenso eine Gebetssprache, die eine größere Vielfalt an Gottesbildern- und anreden entfaltet, und lieber mehr von der Autorin selbst verfasste Gebete.

Wenn an dieser Stelle das Buch dennoch ausdrücklich empfohlen werden kann, liegt es an dem persönlichen Gewinn, den die Rezensentin in dieser Fastenzeit durch die Lektüre und Aufnahme der täglichen „Seelennahrung“ gemacht hat und diese Erfahrung gerne teilt.

Andrea Schwarz, Wie ein Gebet sei mein Leben. Ein Impulstagebuch zum Lesen und Schreiben, Patmos  1. Auflage 2020 ISBN/EAN 978-3-8436-1068-1, 18 Euro.

Marion Mauer-Diesch

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Das Fenster nach Süden. Spiritualität des Alltäglichen

Maike de Haardt

„Das Fenster nach Süden“ ist keine Unterhaltungsliteratur, auch keine Kampfschrift, obwohl von einer feministischen Professorin verfasst. Es ist ein kleines, aber feines philosophisch-theologisches Werk, das aufmerksam macht für die Gegenwart des Göttlichen im Alltag. Die Autorin Maaike de Haardt hatte von 1999 bis 2018 den von Catharina Halkes geprägten Lehrstuhl für Religion und Gender in Nimwegen übernommen. Parallel dazu war sie drei Jahrzehnte lang Dozentin an der theologischen Fakultät der Universität Tilburg. Nun – im Ruhestand – schrieb sie auf rund 150 Seiten leise, unaufgeregt und ohne den Anspruch, alles wissenschaftlich mit Fußnoten belegen zu müssen, ihre Gedanken über die Spiritualität des Alltäglichen nieder. Mit der Weisheit des Herzens, die Frauen mit viel Lebenserfahrung für eine Gesellschaft so wertvoll machen, verweist sie auf die Spuren des Göttlichen in unserem Lebenshaus. De Haardt nimmt uns mit durch die Räume: durch Wohnzimmer, Küche, Esszimmer, Studierzimmer und Schlafzimmer. Auch der Weg durch den Garten fehlt nicht. Das letzte Kapitel, Wohnen in der Stadt, bezieht sich auf ihre jüngste Forschungsarbeit.

Dabei ignoriert sie nicht das feministische Misstrauen gegenüber den Begriffen Haus und Heimat, schließlich wurde unserem Geschlecht durch die Verknüpfung von Frau, Haus und Heim Jahrtausende lang der Weg in die Welt versperrt. Doch sie wählt freundliche, versöhnliche Worte: Das Haus, durch das sie geleitet, ist ein zur Welt hin offenes. Offen auch für das göttliche Geheimnis, das aufblitzt im Alltäglichen. Wenn sie im Esszimmer ihr „Tässchen Trost“ serviert, erinnert das ein bisschen an den Befreiungstheologen Leonardo Boff, der in den 70-ern des vergangenen Jahrhunderts in seiner „Kleinen Sakramentenlehre“ nicht weniger charmant das „Sakrament des Wasserbechers“ kredenzte.

Das Buch ist nicht geeignet als Gute-Nacht-Lektüre, dafür ist es zu anspruchsvoll. Doch bei einer Tasse Tee oder Kaffee in ruhigen Stunden mit einem wachen Geist genossen, rührt es das Herz an.

Maike de Haardt: Das Fenster nach Süden. Spiritualität des Alltags, Verlag Herder, Freiburg/Basel/Wien 2020, ISBN 978-3-451-38698-5, Gebunden: EUR 20,00, E-Book: EUR 15,99

Irmi Huber

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Leidenschaftliche Herzen, feurige Seelen. Wie Frauen die Welt veränderten

Ingvild Richardsen

Was verbirgt sich hinter diesem auf den ersten Blick provokant wirkenden Titel und Cover? Nein, hier wird nicht von gesellschaftlichen Ausschweifungen berichtet. Ganz im Gegenteil. Die Autorin, bekannt als Kuratorin der Ausstellung „Evas Töchter“ in der Monacensia, beschäftigt sich mit einem interessanten Zeitabschnitt des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als ein zentrales Kapitel deutscher Emanzipationsgeschichte in München seinen Anfang nahm. Fundiert und sehr genau recherchiert berichtet sie über den Beginn der sogenannten Frauenbewegung, die ihren Höhepunkt 1899 beim 1. Bayerischen Frauentag fand.

Wir erfahren, wie sich Frauen aus gebildeten Kreisen über Religions- und Konfessionsgrenzen hinweg vernetzten, um sich für die rechtliche Gleichstellung der Frauen in allen Bereichen stark zu machen. Ihr Engagement galt in besonderer Weise den Mädchen und Frauen der weniger privilegierten Gesellschaftsschichten.

Nicht nur bekannte Namen wie Anita Augspurg und Sophia Goudstikker begegnen uns, sondern auch eine ganze Reihe von Frauenrechtlerinnen und Schriftstellerinnen, die zu Unrecht in Vergessenheit gerieten. Auch einflussreiche Männer aus Politik, Wirtschaft und Kunst wie der Dichterphilosoph Max Haushofer und der Jugendstilkünstler Hermann Obrist unterstützten die Aktivitäten der Münchner Frauenbewegung.

Nach dieser erhellenden Lektüre drängen sich Fragen auf: Was haben wir diesen Frauen und ihren Unterstützern zu verdanken? Wie konnten sie so sehr in Vergessenheit geraten? Was haben wir Frauen bis heute erreicht? Und was würden uns die Frauen von damals raten?

Am Ende steht die Erkenntnis: Zum Ziel werden wir nur kommen, wenn wir die Männer zu Verbündeten machen.

Ingvild Richardsen: Leidenschaftliche Herzen, feurige Seelen. Wie Frauen die Welt veränderten,Fischerverlage, Frankfurt am Main 2019, ISBN 978-3-10-397457-7, Hardcover EUR 22,00 - E-Book EUR 18,99.

Brigitte Heberle

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Das Tagebuch der Maria Walser. München 1865-1914

Eva Graf / Christine Rädlinger

Wer über Münchner Frauen um 1900 noch mehr erfahren möchte, kann sich mit den Lebenserinnerungen einer Frau aus dem gehobenen Bürgertum in die Prinzregentenzeit versetzen lassen: 1874 erbte die erst zwölfjährige Maria Walser eine Mühle im Lehel. Sie erlebte erfolgreiche Jahre und Wohlstand, aber auch die Grenzen, die einer Frau des Bürgertums gesetzt waren. Sie durchlitt den Niedergang des Handwerks mit Fortschreiten der Industrialisierung und verfolgte mit Frauenaugen den politischen Weg in den Ersten Weltkrieg. Ihr faszinierendes Porträt aus dem Alltagsleben mit dem Titel „Bachauskehr“ war lange Zeit vergriffen und wurde nun als vierter Band der Reihe „Vergessenes Bayern“ neu aufgelegt als ein literarischer und mit vielen Schwarz-Weiß-Aufnahmen aufschlussreich illustrierter Spaziergang durch das "alte München", besonders das Lehel und die Gegend um die Praterinsel.

Eva Graf / Christine Rädlinger (Hrsg.): Das Tagebuch der Maria Walser. München 1865-1914. Volk Verlag, München 2019, Bd. 4 der Reihe "Vergessenes Bayern", EUR 19,00.

Brigitte Heberle

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Frauen, die lesen, sind gefährlich
Frauen, die lesen, sind gefährlich und klug

Stefan Bollmann

Lesende Frauen – auf den ersten Blick etwas Harmloses, manchmal sogar Idyllisches – und ein beliebtes Motiv in der Kunst quer durch die Epochen. Kann es auch etwas Gefährliches sein? Der Germanist, Historiker und Philosoph Stefan Bollmann behauptete dies 2005 in einem Buch, das zum Bestseller wurde. Dass er sich trotzdem 2014 traute, eine bekanntermaßen lesende Frau, Elke Heidenreich, um ein Vorwort für dir Neuauflage zu bitten, zeigt, dass er kluge Frauen wertschätzt – und sie nicht wegen ihrer Gefährlichkeit fürchtet.

Elke Heidenreich konstatiert gleich zu Beginn:

„Auf den Scheiterhaufen der Inquisition brannten vorwiegend Frauen und Bücher. (…) Frauen, die lesen und schreiben konnten, die etwas wussten, und Bücher, in denen dieses Wissen stand, die waren gefährlich.“

[Elke Heidenreich im Vorwort zu Stefan Bollmann: Frauen die lesen sind gefährlich, S. 12., Insel Taschenbuch, München, 2. Auflage 2014]

Wissen ist Macht. Und wer teilt schon gerne Macht. Von der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) stammt der Aphorismus:

„Als eine Frau lesen lernte, trat die Frauenfrage in die Welt“.

[in: Marie von Ebner-Eschenbach: Schriften Bd. 1, Berlin: Paetel, 1893, S. 61 (Nr. 41)]

Die Frauenfrage, das ist der Diskurs rund um die Verwirklichung der Gleichberechtigung von Frauen in der modernen Gesellschaft. Als Hauptmerkmale einer modernen Gesellschaft gelten Industrialisierung, Demokratisierung und – Alphabetisierung! Wer alphabetisiert ist, kann sich selbst Zugang zu Bildung verschaffen. Gefährlich – zunächst einmal für Frauen: Bollmann zitiert nicht ohne Augenzwinkern Philosophen und Pädagogen des 18. Jahrhunderts, die vor einer Erschlaffung des weiblichen Körpers, Probleme mit dem Verdauungstrakt, Störung des Geschlechtsempfindens und schließlich einem frühen Tod aufgrund des Lebensüberdrusses und des körperlichen Verfalls warnten. Gefährlich aber auch für die Gesellschaft: Lesende Frauen würden zu unsittlichem Handeln verführt, zur Faulheit, zur Widerspenstigkeit. Sie könnten Dinge falsch verstehen, könnten unsinnige Theorien entwickeln oder auf Fakten emotional reagieren. In den Familien wäre der Teufel los. Frauen könnten womöglich eine eigene Meinung entwickeln, abweichend von der des Vaters oder des Mannes. Das brächte nur Zank und Streit ein.

Wenn Sie wissen wollen, warum gerade heilige Frauen trotzdem schon ab dem 15. Jahrhundert häufig mit einem Buch in der Hand dargestellt wurden, welchen Einfluss die Reformation auf die Alphabetisierung der Frauen hatte und weshalb bis in die Neuzeit vor allem die stumm Lesende als wenig fromm eingestuft wurde, dann lassen Sie sich am besten von Bollmann auf seinem Streifzug durch die Galerien der Welt mitnehmen.

Das gleichermaßen unterhaltsame und informative Buch ist in verschiedenen Ausgaben sowohl bei Suhrkamp als auch im Elisabeth Sandmann Verlag erhältlich und trotz der reichhaltigen Farbbebilderung sehr günstig.

2010 erschien ein Folgeband unter dem Titel „Lesende Frauen sind gefährlich und klug“. Neben den nachstehenden Taschenbuch-Ausgaben gibt es im Buchhandel noch weitere, auch in gebundener Form.

Stefan Bollmann: Frauen, die lesen, sind gefährlich, Insel TB, München, 2. Auflage 2014
EUR 9,95, ISBN 978-3-458-35958-6
Stefan Bollmann: Frauen, die lesen, sind gefährlich und klug, Insel TB, München, 2. Auflage 2014
EUR 9,95, ISBN 978-3-458-36028-5

Irmi Huber

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Schöpfungswonne

Hanna Strack

Eine Theologie des Blühens
Mit einem Beitrag zu Hildegard von Bingen


Wir begleiten Hanna Strack auf ihrer Entdeckungsreise zu einer Theologie des Blühens. Das Christentum gilt als Erlösungsreligion, in deren Zentrum Vergebung von Sünde und Schuld steht. Dagegen findet die Theologin die Symbolik des Blühens in beiden Testamenten der Bibel, im Kreuz als Lebensbaum und in der Tradition des Christentums. Die Reise führt zu einer Weltsicht, die mit dem umfassenden Begriff der Schöpfungswonne zum Ausdruck kommt. Angesichts der Herausforderung, die Erde für die Menschen zu erhalten, ist das Buch von aktueller Bedeutung. Es ist das Vermächtnis einer engagierten Theologin.

Pastorin i. R. Hanna Strack, geb. 1936, ist bekannt durch Segenstexte, FrauenKirchenKalender, Bücher zur Spiritualität von Schwangerschaft und Geburt. www.hanna-strack.de


AT Edition: 11,59 €, ISBN 978-3-89781-259-8
AT Edition: Fresnostr. 2, 48159 Münster, Tel. 0251/20079610

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Titelbild: Claudia Nitsch-Ochs

Das Göttliche - Frauen suchen und finden

Gedanken und Kunst von Frauen aus aller Welt

Texte und Bilder in diesem Büchlein sind Zeugnisse von Frauen rund um den Globus, die nach Gott suchen und einen Ausdruck ihres selbstbewussten Glaubens wagen. Darüber hinaus ermutigen die Autorinnen und Künstlerinnen zur eigenen Gott-Suche. Das reich bebilderte Büchlein eignet sich hervorragend als kleines Geschenk.

Hg.: missio München, missio Aachen und KDFB Landesverband Bayern e. V., 60 Seiten, 21 x  21 cm, broschiert, mit farbigen Abbildungen.

Bestellungen:
unter der Bestell-Nr. 310861 an
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Telefon 089 / 51 62-620
E-Mail: info(at)missio-shop.de
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