Frauenseelsorge

Erzdiözese München und Freising

HEILSAME GEH-IMPULSE

Gehen ist die beste Medizin. Schon Hippokrates kannte die heilsame Kraft des Gehens. Die ausgesuchten Übungen und Anregungen (aus meinem Buch "GEHEN - ein leichtfüßiges Glück", © Integral Verlag 2013) sollen dabei helfen, die vielen positiven Effekte des Gehens bewusst zu nutzen. Gerade in Zeiten, in denen wir unter großer Spannung stehen, ist es wichtig, ein wirkungsvolles Gegengewicht zu schaffen, um gelassener auf täglich wechselnde Anforderungen zu reagieren und wieder ins körperlich-seelische Gleichgewicht zu finden. Entscheidend ist, dass wir jeden Tag strukturieren und uns mindestens eine halbe Stunde am Tag eine Auszeit gönnen. Selbst ein einfacher Spaziergang kann ausgleichend wirken, unsere Stimmung aufhellen und zu einem ganzheitlichen Erlebnis werden.*

Elisabeth Hör-Bogacz

* Welche Übungen und Auszeiten im Einzelnen möglich sind, hängt von den Ausgehbeschränkungen ab, die sich jeden Tag ändern können und bundesweit variieren. Die hier vorgestellten Übungen und Vorschläge wurden sorgfältig erarbeitet und haben sich in der Praxis bewährt. Autorin, Verlag und Frauenseelsorge übernehmen keine Haftung für eventuelle Nachteile, die aus den Anleitungen und Anregungen resultieren. Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr.

Inhalte

  • Sich gut erden
  • Den natürlichen Rhythmus finden
  • Sich gehen lassen
  • Innere Blockaden lösen, Neues zulassen
  • Sinnlichkeit statt Stress
  • Eine Minute Bewegung
  • Kleine Leerläufe
  • Perspektive wechseln
  • Am rauschenden Meer
  • Im Genussgarten
  • Aus sich herausgehen
  • Auszeit im Augenblick
  • Gehen und Atmen
  • Auszeit im Labyrinth
  • Mit Licht und Schatten spielen
  • Computer - oder Natur?
  • Ins Spüren kommen
  • Wie ein Bambus im Wind

ENTSCHLEUNIGEN UND WAHRNEHMEN

Sich gut erden

Entschleunigung auf Knopfdruck geht nicht! Wir bewegen uns beruflich und privat häufig auf einem hohen Reizniveau, laufen also zu hochtourig, um uns übergangslos auf etwas Neues einzulassen. Mit der Grounding-Methode des US-Psychotherapeuten Alexander Lowen gewinnen wir mehr Bodenhaftung. Durch die langjährige körperorientierte Arbeit mit seinen Patienten kam Lowen zu der Erkenntnis, dass die Qualität des Bodenkontakts mit den Füßen darüber Auskunft gibt, wie verwurzelt und eigenständig ein Mensch ist. Anders ausgedrückt: Nur wer mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht, kann sich nach oben öffnen. So einfach geht’s:

Schuhe und Strümpfe ausziehen, gerade hinstellen, Beine hüftbreit öffnen, Arme locker hängen lassen. Fühlen Sie, wie Sie über den Fußkontakt mit dem Boden verbunden sind? Stellen Sie sich nun vor, sanft von einem Faden am Kopf zur Decke gezogen zu werden. Stück für Stück wachsen Sie (unten fest verankert) in die Höhe. Fünf Minuten so bleiben, dabei bewusst atmen! Gehen Sie danach zwanzig Minuten im Park oder eigenen Garten spazieren. Und lassen Sie auftauchende Gedanken vor Ihrem geistigen Auge wie einen Vogelschwarm an sich vorbeiziehen …

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Den natürlichen Rhythmus finden

Zu Fuß zu gehen ist eine verblüffend wirksame Methode, in den eigenen Rhythmus zu kommen. Ein sicheres Zeichen dafür, dass Sie zu schnell und aus dem Takt sind: Ihnen passiert ein Malheur nach dem anderen! Es fällt Ihnen alles runter, Sie lassen Ihren Wohnungsschlüssel im Schloss stecken, stolpern über eine Stufe, und, und, und … Um diesen unheilvollen Kreislauf zu durchbrechen, gibt es eine sehr wirkungsvolle Entschleunigungsübung: Sie bleiben ganz einfach stehen (egal, wo Sie sind), sagen innerlich Stopp und gehen erst dann weiter, wenn Sie einen inneren Impuls spüren! Auf diese Weise finden Sie in Ihren natürlichen Gehrhythmus zurück und schaffen Abstand zu den vermeintlich dringenden Dingen.  

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Sich gehen lassen

In einer Welt, in der wir uns ständig auf neue Situationen einstellen müssen, fällt es oft nicht leicht, auf den eigenen Instinkt zu vertrauen.

Gehen Sie einfach drauflos! Wichtig dabei: Überlegen Sie nicht, welchen Weg Sie einschlagen. Gehen Sie spontan, ohne Absicht und Ziel! Nicht Ihr Kopf, sondern Ihr innerer Kompass soll Sie dabei führen! Probieren Sie alle möglichen Gangarten aus: Machen Sie kurze und lange Schritte. Gehen Sie mal beschwingt, mal betont langsam, mal schnell oder tänzelnd. Die ersten Male wird diese spielerische Art zu gehen sicher ungewohnt sein. Mit der Zeit werden Sie aber spüren, dass Ihre Seele die Richtung vorgibt.

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Innere Blockaden lösen, Neues zulassen

Diese Übung hilft, die Dinge aus einem neuen, ungewohnten Blickwinkel auf sich wirken zu lassen und Ängste und Befürchtungen abzubauen:

Gehen Sie vor die Tür und nehmen Sie sich vor, nichts zu bewerten. Egal, in welcher Umgebung Sie unterwegs sind! Wenn das nicht gelingt, versuchen Sie, in allen Dingen Schönheit zu entdecken, selbst in einer vielleicht tristen und gesichtslosen Gegend. Diese Wahrnehmungslenkung macht uns durchlässiger, empfänglicher und erleichtert das Loslassen von Sicht- und Denkweisen, die uns eher blockieren als in Fluss bringen.

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Sinnlichkeit statt Stress

Im Alltag laufen wir oft Gefahr, das Gefühl für uns selbst zu verlieren. Wir achten zu wenig auf unsere Bedürfnisse und Empfindungen. Früher oder später wissen wir oft gar nicht mehr, was uns eigentlich fehlt. Aber tief in uns spüren wir ein Unbehagen und die Sehnsucht nach mehr Ursprünglichkeit und Sinnlichkeit in unserem Leben.

Auf keine Weise lässt sich unsere Umgebung so intensiv und eindrucksvoll entdecken wie zu Fuß - ob in der Stadt oder auf dem Land. Unsere Sinne sind beim Gehen besonders wach, weil wir das ideale Tempo haben, um möglichst viel aufzunehmen. Wir sehen, riechen, hören, tasten und registrieren so am besten, was um uns herum stattfindet.

Suchen Sie sich einen ruhigen Weg aus. Joggen Sie die Strecke, oder fahren Sie sie mit dem Fahrrad ab. Notieren Sie anschließend, was Sie wahrgenommen haben. Machen Sie ein paar Tage Pause, gehen Sie dieselbe Strecke dann zu Fuß. Kann es sein, dass Ihre Aufzeichnungen und Empfindungen nach dem Spaziergang um ein Vielfaches länger und intensiver sind?

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MINI-AUSZEITEN (IM HOME-OFFICE)

Eine Minute Bewegung

Wenn ich am Schreibtisch sitze, neige ich dazu, mich festzubeißen. Mittlerweile gelingt es mir aber auch in Stressphasen ganz gut, eine kleine Pause zu machen. Zögern Sie nicht. Stehen Sie einfach auf und gönnen Sie sich eine Minute lang Bewegung. Jetzt gleich! Während Sie zum Fenster gehen, es weit öffnen und sich im Raum die Beine vertreten, schütteln Sie Ihre Arme aus. Oder lassen Sie Arme und Hände um Ihren Körper fliegen und drehen Sie den Rumpf mit, so wie es Kinder instinktiv oft tun. Das aktiviert Ihre Atmung, fördert Ihre Durchblutung und macht Sie wacher und aufnahmefähiger als die dritte Tasse Kaffee. 

Pausen halten uns gesund und fördern unsere Kreativität. Heute weiß man, dass es im Verlauf des Tages einen 90- bis 120-Minuten-Rhythmus gibt, der unser Bedürfnis nach Ruhe genauso bestimmt wie unsere Konzentrations- und Leistungsfähigkeit. Planen Sie im Idealfall alle 90 Minuten eine schöpferische Pause ein. Ihr Wohlbefinden und das Ergebnis Ihrer Arbeit werden für sich sprechen.

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Kleine Leerläufe

Im Arbeitsleben ist es oft eine Notwendigkeit, vieles parallel zu tun. Doch Multitasking ist auch ein großer Energieräuber, für Hirnforscher sogar ein Kreativitätskiller. Vor allem, wenn wir dazu tendieren, mehr als hundert Prozent geben zu wollen, uns aber nicht konzentriert auf eine Sache einlassen können. Das nimmt uns die Kraft und bewirkt nicht selten das Gegenteil von dem, was wir beabsichtigen: Wir fangen vieles an, bringen aber nur wenig zu Ende, weil unsere Gedanken unstrukturiert sind und Chaos in unserem Kopf entsteht. Statt flexibel auf Anforderungen zu reagieren, verzetteln wir uns und verlieren leicht den Überblick. Paradox, aber wahr: Was oft zu kurz kommt, ist unsere Fähigkeit zu improvisieren, wenn etwas anders läuft als geplant.

Deshalb: Nutzen Sie jede Situation des Wartens, beispielsweise vor dem Drucker oder Kopierer, als willkommenen Anlass, ein paar Schritte hin- und herzugehen. Tun Sie in dieser Mini-Auszeit nichts anderes, denken Sie möglichst nicht an die Arbeit, die als Nächstes ansteht. Dieser Leerlauf ist wichtig, um die Gedanken neu zu ordnen und auf Lösungen zu kommen. Wer Routinen bewusst durchbricht, reagiert flexibler, ist weniger gestresst und weitaus kreativer.

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Perspektive wechseln

Denken funktioniert am besten, wenn wir uns räumlich verändern. Für alle, die geistig arbeiten, kann ein Perspektivenwechsel Wunder bewirken. Ganz einfach deshalb, weil unsere Wahrnehmungen immer wieder aufs Neue gefordert werden - sich der Blickwinkel ändert - und der Ermüdungseffekt auf diese Weise eher ausbleibt. Wenn Sie zu Hause arbeiten, die Konzentration langsam nachlässt und Ihnen partout nichts mehr einfällt, dann sollten Sie öfter mal durch die Wohnung gehen und falls möglich in einem anderen Raum weiterarbeiten. Gehen setzt das Denken in Gang!

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MENTALE SPAZIERGÄNGE

Ein imaginärer Spaziergang wirkt auf unsere Seele wie ein Kurzurlaub. Die hier vorgestellten "Ausflüge" sind ideal für alle, die gerade nicht nach draußen gehen können und innerlich zur Ruhe kommen wollen.

Am rauschenden Meer

Foto: Michael Hör

Kaum etwas wirkt entspannender und erholsamer als die Geräusche des Meeres. Das gleichmäßige Rollen der Wellen beruhigt nachweislich die Gehirnströme. Schließen Sie Ihre Augen und stellen Sie sich ganz einfach vor, am Meer zu sein. Gehen Sie den Strand entlang und lauschen Sie der Brandung. Vielleicht befinden Sie sich an einer Steilküste oder am türkisfarbenen Indischen Ozean. Genießen Sie die Weite des Horizonts. Sehen Sie, wie das Blau des Himmels mit dem des Meeres verschmilzt? Fühlen Sie, wie Sie darin eingebunden sind? Es gibt nichts Trennendes. Alles ist eins! 

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Im Genussgarten

Setzen Sie sich auf einen bequemen Stuhl mit Lehne. Schließen Sie die Augen, legen Sie Ihre Hände auf die Schenkel und achten Sie auf einen geraden Rücken. Atmen Sie ruhig und entspannt. Versuchen Sie jetzt mit Ihren inneren Bildern in Berührung zu kommen. Wichtig ist, dass Sie Ihren Garten vor Ihrem geistigen Auge langsam und bewusst durchschreiten. Was sehen Sie, was wächst in Ihrem Genussgarten – Blumen, Bäume, Kräuter, Gemüse …? Welche Farben dominieren, eher kühle oder warme Farben? Fühlen Sie eine bestimmte Jahreszeit? Scheint die Sonne, ziehen Wolken am Himmel vorbei, schneit es? Wie sehen die Wege in Ihrem Garten aus? Sind sie eher verschlungen oder gerade? Gibt es Wasser, einen Teich oder Brunnen? Ist Ihr Garten wild, romantisch oder aufgeräumt? Sehen Sie Tiere? Hören Sie Vogelgezwitscher? Wie duftet es in Ihrem Genussgarten? Fehlt noch etwas in Ihrer Seelenlandschaft …?

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Aus sich herausgehen

Farben beflügeln unsere Fantasie und geben uns Kraft, vor allem, wenn wir uns schwach und dünnhäutig fühlen. Im Zen-Buddhismus bezieht man die Energie der Farben in Verbindung mit der Vorstellung von Licht in eine Meditation mit ein. Schließlich können wir Farben auch mit geschlossenen Augen wahrnehmen. Je nach Befinden können Sie im Sitzen oder im Liegen meditieren. Nehmen Sie sich zwanzig Minuten Zeit. Beginnen Sie Ihre imaginäre Reise mit geschlossenen Augen und konzentrieren Sie sich auf das Energiezentrum unterhalb Ihres Nabels im Bauchraum. Legen Sie Ihre Hände übereinander auf Ihren Unterbauch. Atmen Sie ruhig und langsam in den Bauch hinein und spüren Sie Ihrer Atembewegung nach.

Jetzt kommen die Farben ins Spiel! Lassen Sie aus Ihrer Mitte heraus die Farbe Gelb entstehen. Das gelbe Licht breitet sich durch Ihren ganzen Körper aus – bis in Ihren Kopf, Ihre Finger und Zehen. Stellen Sie sich vor, wie es ausströmt und sich als schützende gelbe Lichthülle um Ihren Körper legt! Lassen Sie dann die Farbe Grün entstehen. Das grüne Licht breitet sich aus und legt sich als grüne Lichthülle über das gelbe Licht. Als Nächstes entsteht die Farbe Rot aus Ihrer Mitte, die sich über die grüne Lichthülle um Ihren Körper legt. Dasselbe passiert mit der Farbe Blau. Als letzte Farbe lassen Sie Violett aus Ihrer Mitte entstehen. Das violette Licht breitet sich aus und legt sich über die blaue Lichthülle.

Versuchen Sie abschließend die gelbe, grüne, rote, blaue und violette Lichthülle um sich herum wahrzunehmen, und zwar so, als würden Sie von innen heraus um Ihren Körper sehen. Es kann eine Weile dauern, bis Sie die Lichthülle vor Ihrem inneren Auge wahrnehmen. Auch die Stärke kann variieren. Schließlich sind wir Übende und keine Lichtgestalten.

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MEDITATIVES GEHEN

Natürlich kann Stille auch verunsichern, weil wir sie in einer lärmenden Welt nur noch selten antreffen und oft nicht mehr wissen, wie wir mit ihr umgehen sollen. Jeder Mensch kennt Momente, in denen die Stille plötzlich ganz laut wird. Sie konfrontiert uns mit uns selbst. Das kann beunruhigen, aber auch eine wertvolle Erfahrung sein. Wenn wir diese positive Spannung aushalten und der Stille den nötigen Raum geben, erhalten wir die Chance, unser wahres Selbst zu entdecken. Dazu gehört, sich ungeschminkt anzunehmen, trotz unliebsamer Empfindungen wie Ungeduld und Nervosität. Stille ist mehr als Lautlosigkeit. Wenn wir sie zulassen, öffnet sich der innere Seelenraum. In diesem inneren Raum der Stille - in den wir beispielsweise durch die Meditation gelangen, sind wir heil und unverletzbar.

Auszeit im Augenblick

Wenn wir zu unruhig sind, um im Sitzen zu meditieren, kann uns die Gehmeditation dabei helfen, unser inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Meditatives Gehen ist eine durchaus lebensnahe Praxis, die wir leichter in unseren Alltag integrieren können als wir denken. Die einfachste Form besteht darin, jeden Schritt so bewusst wie möglich wahrzunehmen. Zum Beispiel, indem wir eine Treppe achtsam hinaufgehen und Stufe für Stufe mit derselben Achtsamkeit wieder hinuntergehen. Achtsam gehen können wir in jeder kleinen Pause und fast überall. Auf dem Weg zum Supermarkt, im eigenen Garten, an einer Haltestelle, während man auf den Bus wartet. Wir können die Gehmeditation auch mit anstehenden einfachen Tätigkeiten im Haushalt verbinden. Zum Beispiel, indem wir leere Flaschen zum Container bringen. Nicht umsonst werden in Klöstern und Meditationszentren unterschiedliche Aufgaben wie das tägliche Kehren bzw. Rächen des Weges in einer achtsamen und meditativen Haltung geübt.

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Gehen und Atmen

Achtsames Gehen und achtsames Atmen gehören zusammen und bilden im Idealfall eine Einheit. Bewusstes Atmen bedeutet, dass wir jeden Atemzug wahrnehmen, aber nicht künstlich verlängern und vertiefen. Wenn es uns gelingt, unsere Schritte mit unserem Atem in Einklang zu bringen, können wir mit einiger Übung in einen Zustand tiefer Entspannung und meditativer Versenkung gelangen, der sehr heilsam ist. Grundsätzlich kommt es dabei auf Folgendes an:

Meditieren Sie möglichst täglich und reservieren Sie sich dafür zehn bis zwanzig Minuten. In den ersten Wochen sollten Sie zu Hause oder in einer ruhigen Umgebung in Ihrer Nähe üben, z.B. in der Abgeschiedenheit eines Waldes. Verlangsamen Sie Ihre Schritte, aber werden Sie dabei nicht zu langsam. Sonst kann es passieren, dass Sie Ihren natürlichen Atem- und Bewegungsfluss blockieren. Gehen Sie ein paar Minuten in dieser Form. Achten Sie als Nächstes darauf, wie viele Schritte Sie beim Einatmen und Ausatmen machen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Atemrhythmus. Häufig sind es zwei Schritte beim Einatmen und drei beim Ausatmen. Es können aber auch jeweils zwei oder vier Schritte sein. Alternativ zum Zählen können Sie sich auch ein Mantra aussuchen. Das kann ein Meditationswort, ein Satz oder ein Spruch sein, der der Länge Ihrer Atemzüge entspricht. Bei vier Schritten bietet sich beispielsweise das Wort Je-sus-Chris-tus oder Lo-tos-blü-te an. Sind es zwei Schritte, könnten Sie das Wort Heil-Sein oder All-Eins verwenden. Je mehr Sie sich auf Ihre Atemzüge und Ihr Mantra konzentrieren (das Sie nicht laut aussprechen müssen), desto weniger halten Sie sich in Ihrer Gedankenwelt auf.

Gehmeditation ist eine spirituelle Übung, durch die wir lernen, unsere Aufmerksamkeit auf einen Punkt zu richten. Bei regelmäßiger Übung werden unsere Schritte auf ganz natürliche Weise langsamer und entspannter, unsere Bewegungen leichter und geschmeidiger. Wir werden umsichtiger, im Idealfall auch verantwortungsvoller und kooperativer in unserem Verhalten, was sich im Kleinen und Großen positiv auf unser Zusammenleben und die ganze Welt auswirken kann.

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Auszeit im Labyrinth

Bild: Friedbert Simon
in: pfarrbriefservice.de

Das Labyrinth gehört zu den kulturellen Urschätzen der Menschheit, ist ein Sinnbild für den menschlichen Lebensweg und besitzt in allen Kulturen eine philosophisch-spirituelle Dimension: Labyrinthe sind eine starke Metapher für das Leben selbst. Sie fordern zum Überdenken des eigenen Daseins auf und schenken uns dadurch Erkenntnis. Wir begreifen, dass Umwege zum Leben gehören, Umkehren dagegen keine Lösung ist. Als kontemplative Rückzugsorte und Oasen der Entspannung erleben Labyrinthe in Stadt und Land eine regelrechte Renaissance.

Im Gegensatz zum Irrgarten existiert im Labyrinth nur ein verschlungener Weg, der über scheinbare Umwege zur Mitte führt. Es gibt darin weder Abzweigungen, Wegkreuzungen noch Sackgassen. Eines der ältesten Labyrinthe ist das sogenannte klassische Labyrinth, das auch als kretisches Labyrinth bezeichnet wird. Es ist ein Einweglabyrinth, das heißt es gibt keinen zweiten Ausgang, der Rückgang entspricht dem Hinweg ins Zentrum des Labyrinths. Schon beim Eingang stellt man erstaunt fest, dass die Mitte ganz nah ist. Doch mit jedem Schritt führt uns der Weg in langen Bahnen und durch enge Kurven immer weiter von der Mitte weg. So geht das eine ganze Weile. Wir möchten uns dem Zentrum nähern, müssen uns aber immer wieder entfernen, bis wir schließlich doch am Ziel ankommen und nicht selten verwirrt sind.

Die Selbsterfahrung im Labyrinth ist letztlich eine paradoxe Erfahrung, die uns das Geheimnis des Lebens näher bringt, aber nicht offenbart: Scheinbare Nähe führt zur Entfernung und Entfernung zur Annäherung. Durch seine Linienführung zwingt uns das Labyrinth zum regelmäßigen Richtungswechsel, der uns das Ziel aus unterschiedlichen Perspektiven sehen oder nicht sehen lässt. Auf den Alltag übertragen, heißt das: Wer sich im Labyrinth bewegt, lernt, Geduld zu üben und dem vorgegebenen Weg zu vertrauen. In Zeiten, in denen permanent Entscheidungen zu treffen sind, empfinden es viele Menschen als erleichternd und wohltuend, einmal nicht die Richtung vorzugeben und sich in einem geschützten Umfeld eine bewusste Auszeit zu nehmen.

Begehbare Labyrinthe finden sich vielerorts und in verschiedensten Erscheinungsformen. Es gibt Rasen- und Heckenlabyrinthe in Parks, Lichter- und Farblabyrinthe, ornamentale Fußbodenlabyrinthe in Kirchen oder lebendige Kräuterlabyrinthe in Klostergärten und auf dem Land.

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STREIFZÜGE DURCH DIE NATUR

Gehen ist Frischluft für die Seele und ein Lebenselixier für unsere Sinne. Gehen ist ganzheitliches Erleben in der Natur. Die Natur spiegelt das Werden, Wachsen und Vergehen. Sie lässt sich nicht beschleunigen, sie folgt ureigensten Rhythmen und Gesetzmäßigkeiten. Allein schon das Beobachten dieser biologischen Zyklen und der damit verbundenen langsamen Prozesse ist in unserer schnelllebigen Welt heilsam und inspirierend.

Gehen ist Bewegung im Rhythmus der Natur und vermittelt ein Gefühl von Gleichmaß und Verlässlichkeit. Das tiefe Wissen um die ausgleichenden Effekte der Natur nutzt man heute auch gezielt bei der Behandlung von Depressionen und Angstzuständen. Die Nähe zur Natur soll Menschen wieder zu ihrem Ursprung zurückführen, das heißt das Bewusstsein in ihnen stärken, Teil der Natur beziehungsweise der Welt zu sein. In der Psychologie geht man davon aus, dass die unendliche Formenvielfalt der Natur unsere visuellen, akustischen, olfaktorischen und taktilen Sinne in einer Weise stimuliert, die sie positiv anregt und zugleich beruhigt. Bei depressiv verstimmten Menschen beginnt das Training mit bewusstem Riechen. Gerüche sind ein Schlüssel zu starken Assoziationen mit heilendem Potential. Ein angenehmer Duft steigert unser Wohlbefinden. Diesen Effekt kennen wir auch von der Aromatherapie, oder wenn wir an einem blühenden Fliederbusch vorbeigehen.

Der Geruchssinn ist ein sehr archaischer Sinn (Gerüche werden in den ältesten Hirnregionen verarbeitet) und wird besonders im Frühling und Herbst aktiviert. Auch Farben haben eine spürbare Wirkung auf Psyche und Körper. Bestimmte Farben wie Grün oder Blau entspannen das zentrale Nervensystem in Sekundenschnelle. Bereits ein Mini-Spaziergang von 5 Minuten im Grünen wirkt sich messbar auf unser Wohlbefinden aus, senkt Stresslevel und Puls. Wer täglich 30 Minuten zügig zu Fuß geht, senkt sein Risiko für viele Zivilisationskrankheiten körperlicher und seelischer Art um 30 Prozent!

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Mit Licht und Schatten spielen

Geh-Zeiten sind besonders kreative Zeiten. Im Zustand der entspannten Aufmerksamkeit, die sich beim Gehen einstellt, entsteht Inspiration. Eine hervorragende Quelle der Inspiration ist die Natur. Sie bringt Menschen auf neue Ideen und beflügelt ihre Fantasie. Naturerfahrungen ermöglichen darüber hinaus Resonanz, sprich Momente, in denen wir uns im Einklang mit der Umwelt befinden.

Sehen Sie mit den Augen der Künstlerin! Gehen Sie an einem sonnigen Tag zum Beispiel in einen nahegelegenen Park. Suchen Sie sich einen Baum aus, der Ihnen besonders gut gefällt. Lassen Sie sich bei der Auswahl Zeit. Dieser Baum soll Ihr Lieblingsbaum werden, den Sie immer wieder besuchen können. Betrachten Sie ihn dabei immer genauer. Welche Schatten wirft Ihr Baum? Wie verändern sie sich je nach Lichteinfall? Sehen Sie sich als Nächstes die Rinde des Baums an. Können Sie verschiedene Strukturen und Farbschattierungen erkennen? Fühlt sich die Rinde glatt oder rau an? Wie wirkt Ihr Baum morgens, mittags und in der Abendsonne …? Wenn Sie wollen, können Sie zusätzlich Skizzen anfertigen oder Fotos machen.

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Computer - oder Natur?

Wenn Sie mit Ihren Kindern unterwegs sind, können Sie so manches von ihnen lernen. „Die Fantasie der Kinder kann einen Haufen Dreck in eine magische Welt verwandeln“, sagt der US-Autor Richard Louv, der den Bestseller Das letzte Kind im Wald schrieb und Eltern im Umgang mit ihrem Nachwuchs zu kreativen Aktivitäten in der Natur rät. Geplagte Eltern wissen ohnehin: Heranwachsende Computer-Kids kann man nicht mit einem einfachen Spaziergang hinter dem PC hervorlocken! Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie zufolge, wirken sich sinnliche Wahrnehmungen, die Kinder aktiv draußen machen, nicht nur positiv auf ihre Neugier aus, sondern auch auf die Eltern-Kind-Bindung. Also nichts wie raus!

(Anmerkung: der folgende Vorschlag ist derzeit nur im eigenen Garten möglich) Lassen Sie sich von allem inspirieren, was "Mutter Erde" je nach Jahreszeit zu bieten hat. Schaffen Sie daraus kleine Kunstwerke im Land-Art-Stil. Sehr beliebt, schön anzusehen und einfach in der Umsetzung sind Spiralen, die aus Blättern, Blüten, Steinen, etc. auf dem Boden gestaltet werden. Wer mag, kann aus Moos eine Schlange formen, Zweige und Äste zu einem Bodenornament anordnen oder mit Holzstücken einen kleinen Weg anlegen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Zur Philosophie der erlebnisorientierten Naturkunst gehört, dass ausschließlich Fundstücke aus der Natur und keine künstlichen Hilfsmittel verwendet werden, die Objekte also mit bloßen Händen vor Ort gestaltet werden und dort auch bleiben. Oft verändert die Witterung beziehungsweise der Verfall der verwendeten Materialien das Objekt, sprich das Werk wird vom Wind verweht, oder ist organischen Prozessen ausgesetzt und verrottet. Gerade für Kinder ist es spannend und lehrreich, solche dynamischen Prozesse zu beobachten.

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BARFUSS UNTERWEGS

Das Anforderungsprofil an unsere Füße ist enorm: Standfestigkeit, Gleichgewicht, Stoßdämpfung und Leichtfüßigkeit haben wir ihnen zu verdanken. In unseren Füßen spiegelt sich der ganze Körper. Genauer gesagt: Unsere Füße sind mit den inneren Organen derart verbunden, dass diese von der Fußsohle über Reflexpunkte massiert werden können. Einen ähnlichen Effekt wie eine Fußreflexzonenmassage hat Barfußgehen.

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Tautreten

Es muss nicht immer der Sonnengruß sein, um gelassen und vital in den Tag zu starten. Ein reizender Kick für das Immunsystem und die Stimmung (zumindest hinterher) ist das Tautreten, bei dem man drei bis fünf Minuten mit nackten Füßen durch feuchtes Gras geht. Naturheilärzte empfehlen Tautreten möglichst täglich, auch bei Raureif und Schnee, wobei in der kalten Jahreszeit drei Minuten schnelles Gehen genügen. Wer im Herbst und Winter bärenstarke Abwehrkräfte haben will, sollte jetzt mit dem Tautreten beginnen (vorausgesetzt, es bestehen keine gesundheitlichen Probleme, die dagegen sprechen). 

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Ins Spüren kommen

Suchen Sie sich einen Weg, dessen Untergrund sicher und angenehm für Ihre Füße ist. Gehen Sie auf Ihrem gewählten Untergrund eine Zeit lang barfuß. Wie nehmen Sie den Untergrund wahr? Weich, kühl oder warm? Wie fühlen sich Ihre Füße an? Auf alle Fälle wacher, oder? Konzentrieren Sie sich jetzt bei jedem Schritt auf Ihr Becken. Wie fühlt es sich an, steif oder beweglich? Versuchen Sie, möglichst geschmeidig zu gehen. Spüren Sie Ihren Beckenboden? Der Kontakt der Fußsohlen mit dem Boden wirkt sich unmittelbar auf den Beckenboden aus, wirkt harmonisierend und stärkt unser Fuß- und Körperbewusstsein.

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Wie ein Bambus im Wind

Leider macht Barfußgehen nicht immer Freude. Zum Beispiel bei chronischen Fußproblemen. Die folgende Wahrnehmungsübung (die Sie in abgewandelter Form vielleicht schon aus dem Qi Gong kennen), ist ideal für zu Hause und schärft Ihren Sinn für die optimale Druckverteilung im Fuß, was Fehlbelastungen vorbeugt, Ihren Gleichgewichtssinn verbessert und so mehr Standfestigkeit vermittelt. Nicht nur das: Bewegungen mit den Füßen sind derart wirkungsvoll, dass sie im Gehirn die Oberhand über die Emotionszentren gewinnen und sich dadurch stabilisierend auf unser emotionales Gleichgewicht auswirken.

Sie stehen hüftbreit und bequem (barfuß oder in rutschfesten Socken), Knie leicht gebeugt. Schließen Sie die Augen und atmen ruhig und gleichmäßig. Wenn Sie Ihr Gleichgewicht leicht verlieren, schließen Sie Ihre Augen nur halb und stellen sich beispielsweise in einen Türrahmen, damit Sie sich notfalls an der Türklinke festhalten können.

Fangen Sie jetzt langsam und kontrolliert zu pendeln an: aus der Mitte nach links und rechts, vor und zurück. Durch das Pendeln verändert sich die Druckverteilung in Ihren Füßen. Versuchen Sie den Bodenkontakt so intensiv und so lange wie möglich wahrzunehmen: Erspüren Sie die Auflagefläche, die Hauptbelastungszonen und den Spannungszustand der Zehen. Lassen Sie das Schwingen Ihres Körpers zu und finden Sie Ihren Rhythmus. Pendeln Sie sich zum Schluss in die Mitte ein. Spüren Sie noch etwas nach, bevor Sie die Augen wieder öffnen. Lassen Sie sich zehn Minuten Zeit für diese Entspannungsübung.

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