Frauenseelsorge

Erzdiözese München und Freising

Der Geist weht, wo er will

Foto: Melly95_pixabay

Pfingsten steht vor der Tür, das Fest des Heiligen Geistes. Die Bibel erzählt davon, dass er mit Feuerzungen und Sturmgebraus die verängstigte Schar der Jünger und Jüngerinnen in Jerusalem in Bewegung brachte, sie aus den Häusern trieb und sie in allen Sprachen mitreißend die Frohbotschaft verkünden ließ. Die große Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen fasste für ihr eigenes Leben das Wirken der göttlichen Geistkraft in ein anderes, sanfteres Bild. In einem Brief an einen bedeutenden Abt erzählte sie, dass sie sich manchmal wie eine kleine weiße Feder fühle, die aus sich selbst heraus nichts bewirken könne. Erst durch das Wehen des Geistes Gottes werde sie in Bewegung gebracht. Der Vergleich hinkt ein bisschen, denn eine Feder kann sich aus sich selbst ja tatsächlich nicht bewegen, ein Mensch schon. Hildegard wollte durch dieses Bild zeigen, dass sie ihre Durchsetzungskraft, ihre Kreativität und ihren Einfluss auf ihre Mitmenschen als Gottesgeschenk empfand. Weil sie sich Gottes Führung anvertraute, gelang ihr Vieles, was für eine mittelalterliche Nonne ungeheuerlich war. Interessant ist, dass das Wort für Gottes Geist im Hebräischen ein weibliches Wort ist: ruach. Das Wehen des Geistes und die Wehen einer Gebärenden haben eine gedankliche Verwandtschaft, denn in der hebräischen Wortwurzel ist das Verb enthalten, das für das stoßende, Leben hervorbringende Atmen der in den Wehen liegenden Frau gebraucht wird. Wo die Geistkraft wirken kann, da entsteht Neues, da geht das Leben weiter, könnte man sagen.

Am vergangenen Montag war ich tief berührt von einem Artikel im Weltspiegel: Sechs blutjunge afghanische Frauen haben es geschafft, aus Autoteilen ein extrem preisgünstiges Beatmungsgerät für Corona-Patienten zu entwickeln.

Ausgerechnet in einem Land, wo gewalttätige Taliban Mädchen am liebsten ganz von Bildung fernhalten würden und Frauenrechte extrem klein schreiben wollen, gelingt einer Gruppe technikbegeisterter Mädchen eine Sensation. Einfach göttlich, könnte man sagen. Der Geist weht, wo er will – immer da, wo Gutes entsteht. Davon bin ich überzeugt. Der Geist Gottes bringt Menschen nicht nur dazu, ihren Glauben frohmachend und mitreißend zu bekennen, er ist die Ursache für alle Kreativität, die Positives schafft – überall in der Welt. Gerade jetzt, wo wir mühsam weltweit nach Wegen suchen, um den Lockdown hinter uns zu lassen und trotz Corona ein Miteinander und Füreinander zu versuchen, sollten wir pfingstlich denken und darauf vertrauen, dass Gottes Geist uns Menschenkinder nicht im Stich lässt.

Allen Leserinnen wünschen wir zu Pfingsten Lebensfreude und Zuversicht ins Herz.

 

Irmi Huber

PFINGSTEN

Maria empfängt den heiligen Geist und schenkt ihn weiter

In diesem Jahr endet der Marienmonat Mai mit dem Pfingstfest.

Die Apostelgeschichte (Apg 1, 13-14) erzählt, wie nach der Himmelfahrt Jesu die Jünger und Jüngerinnen in Jerusalem zusammen kommen und miteinander betend das Kommen der heiligen Geistkraft erwarten. Neben den Jüngern wird nur ein einziger Name einer Frau genannt: es ist Maria, Jesu Mutter, die in der Nachfolge ihres Sohnes wie die anderen mit der Gabe des heiligen Geistes beschenkt wird. Aus der Verharrung heraus braucht die junge Gemeinde für den nächsten Schritt der Öffnung nach außen das Feuer der heiligen Geistkraft:

Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten, auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom heiligen Geist erfüllt und begannen in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.

Apg 2, 1-4 (aus der Einheitsübersetzung)



(c) missio

Die Pfingst-Szene des afrikanischen Schnitzwerks, das sich in der missio-Kapelle im Haus der Weltkirche in München befindet, fängt den Moment ein, wie alle, die den heiligen Geist empfangen haben, sehr beglückt sind.
Zum Zeichen ihrer Ergriffenheit haben manche Menschen die Arme verschränkt. Sie scheinen das Wirken dieser göttlichen Kraft staunend an sich wahrzunehmen. Sie halten inne, halten diesen Moment als Geschenk fest, genießen es, ganz bei sich zu sein und ganz von Gottes Anwesenheit erfüllt zu sein.
Einige blicken nach oben, von wo das Feuer herkommt, andere schauen uns, die Betrachtenden an. 
Andere können dieses Geschenk nicht für sich behalten und strecken die Arme nach oben aus. Der heilige Geist will nicht in ihren Herzen eingeschlossen sein, sondern mit anderen Menschen geteilt werden.

Probieren Sie doch einmal diese beiden Haltungen aus:

Ein inniges Berührtsein – es tut gut, sich auch selbst zu berühren und zu spüren: Ich bin da, ich bin gemeint und begabt von Gott. Ich habe einen Schatz in mir geborgen, den darf ich zeigen, teilen.

Ein jubelndes Heben und Strecken der Arme: wann habe ich mich zuletzt so gefreut, war ganz „aus dem Häuschen“?  Oder auch: wann habe ich mich das letzte Mal so richtig nach etwas gesehnt und mich danach gestreckt? Welche Freude möchte ich wieder erleben und andere damit anstecken?


In diesem Bild können wir Maria entdecken: inmitten der Jünger und Jüngerinnen. Alle Männer, Frauen und Kinder empfangen die Gabe Gottes. Die Tatsache, dass Kinder ganz selbstverständlich mit dabei sind, rührt an. Viel zu oft werden sie übersehen und nicht ernst genommen mit ihrem Erleben. Auch jetzt während der Corona-Krise.

Für die afrikanischen Künstler*innen gehören sie dazu. Dieses Bild zeigt die Geburtsstunde der Kirche.

  • Die christliche Gemeinde ist durch den heiligen Geist zusammengerufen - Frauen und Männer. Jede und jeder tut das und darf das tun, wozu sie oder er berufen ist

  • Nicht Europäer*in oder Afrikaner*in, nicht  Reich oder Arm, nicht Mann oder Frau werden unterschieden; alle sind „eins in Christus“ (Gal 3,26-28)

  • An vielen Stellen dieser Welt geschehen solche Sternstunden, der heilige Geist überschreitet Grenzen und Zäune und schafft Verbundenheit 

Maria ist auch bei dieser Geburt dabei, verhilft der göttlichen Geistkraft, die mit heftigen Wehen in die Welt hineintritt, zur Wirkung und verschafft ihr Lebendigkeit. Die Traurigkeit und Sprachlosigkeit ist verwandelt, die Zukunft ist kraftvoll eröffnet.

Ich freue mich über das Geschenk dieser afrikanischen Pfingstszene und wünsche Ihnen, dass Sie sich von der göttlichen, lebendig und frei machenden Kraft des Gottesgeistes in diesen Tagen anstecken und sich bewegen lassen.

Marion Mauer-Diesch

unter Verwendung der Broschüre: Maria - Mutter der Völker,  Marienandacht mit Schnitzereien aus der Missio Hauskapelle, hrsg. missio  München 2020