Frauenseelsorge

Erzdiözese München und Freising

Beifuss
Foto: Johanna Hofmann-Mörwald
Johanniskraut
Foto: Thomas Hirschberger 2020
Wegwarte
Foto: Johanna Hofmann-Mörwald

Von Kräuterbüscheln und nackten Frauenfüßen

In Bayern liegt das Fest Mariä Himmelfahrt mitten in der Ferienzeit. Weil in den vergangenen Jahrzehnten im August viele Familien kreuz und quer über den Globus reisten, ist eine alte Tradition, die eigentlich zu diesem Fest gehört wie das Eis-Schlecken zu den Sommerferien, in Vergessenheit geraten: das Weihbuschen-Binden. In ländlichen Gegenden, aber auch da, wo katholische Frauenverbände aktiv sind, wird der Brauch noch gepflegt. Und im katholischen Gottesdienst ist die Kräutersegnung nach wie vor wichtiger Bestandteil der Liturgie am „Großen Frauentag“, dem Fest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Eine wahrhaft „blumige“ Legende erzählt man sich hinsichtlich der Zuständigkeit der Madonna für Kräuter und Blühpflanzen: Maria soll an ihrem Lebensende, als ein Engel ihr den nahen Tod verkündete, noch einmal die Apostel um sich versammelt haben. Diese seien auf Wolken angereist, um die Sterbende in ihren letzten Stunden zu begleiten. Weil ihnen das Abschiednehmen so schwer gefallen sei, hätten die Apostel in ihrer Trauer drei Tage nach Marias Tod das Grab noch einmal geöffnet, doch statt eines verwesenden Leichnams nur duftende Kräuter und Blumen vorgefunden.

Lassen sich solche bilderreichen Geschichten heute noch so deuten, dass sie einladen, altes Brauchtum weiterzupflegen, noch dazu, wenn die Brauchtumsforschung sich einig ist, dass die Wurzeln der Tradition in vorchristlicher Zeit zu suchen sind? Die Kraft der Kräuter, die Mitte August in unseren Breiten besonders groß sein soll, wurde sicher auch früher schon besungen und gefeiert, als man den Erntesegen noch mit dem Heilswirken von Vegetationsgöttinnen verband. Als heilsame Kräuter noch die einzigen Arzneien waren, zu denen das einfache Volk Zugang hatte, war das erfolgreiche Kräutersammeln und -verarbeiten im Hochsommer die einzige Möglichkeit, für die kalte Jahreszeit medizinisch vorzusorgen. So mancher Brauch lässt darauf schließen, dass das vor allem Frauenarbeit war – und dass die Frauen dabei tiefsinnige Rituale praktizierten, welche echtes Kräuterwissen mit religiösen Vorstellungen verbanden. Als mit Ausbreitung des Christentums viele heidnische Bräuche inkulturiert wurden, hat man manche heutzutage seltsam erscheinende Tradition – oft auch nur regional – beibehalten. Ich kann mich noch gut erinnern, wie verwundert ich war, als eine alte Bäurin, die ich als sehr fromme Frau kannte, mir einmal erzählte, den Kräuterbuschen für die Madonna dürften nur wir Frauen und nur mit nackten Füßen pflücken. Ich hatte ja schon viel gehört über die Zusammenstellung der Buschen – über Anzahl der Kräuter (von 7 für die biblische Zahl der vollkommenen Fülle über 12 für die Zahl der Apostel bis zu 99 für die Gesamtheit der göttlichen Heilsgaben), doch warum sollte die sammelnde Person weiblich und barfuß sein? Probieren Sie es aus, wenn Sie irgendwie die Gelegenheit dazu haben! Sie werden wie ich erstaunt feststellen, dass der unmittelbare Kontakt zur vom Morgentau feuchten Erde ein besonderes spirituelles Erlebnis ist. Nie zuvor wurde mir das göttliche Wirken in der Natur stärker bewusst als beim Einsammeln der Heilkräuter mit nackten Fußsohlen. „Heiliger Boden!“ schoss es mir durch den Kopf. „Auf ihm wachsen die Himmelsgaben, Geschenke der Gottheit, uns anvertraut!“ Voll Ehrfurcht machte ich meine Schritte von Pflanze zu Pflanze, und mein Herz war erfüllt von tiefer Dankbarkeit. Auch mit Maria, der himmlischen Frau, fühlte ich mich verbunden wie nie zuvor. Wie das Hervorbringen von neuem Leben Frauenwirken ist, so hat auch das heilsame Wirken der Natur weibliche Qualitäten. Nicht zufällig sprechen wir von Mutter Natur und Mutter Erde.

Maria, mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen – ein Glaubenssatz, dem ich lange Zeit nicht viel abgewinnen konnte. Doch an ihr, unserer Schwester im Glauben, zeigt sich exemplarisch, worauf wir hoffen dürfen: Wer wie Maria im irdischen Leben auf Gott vertraut und sich bemüht, wie ein Wohlgeruch und eine helfende Kraft unter denen zu wirken, die um sie sind, findet Heimat bei Gott. Die duftenden Blumen und Kräuter in Marias Grab – sie sind nachvollziehbarer Ausdruck für das Geheimnis, das unseren Glauben ausmacht. Es lohnt sich, tiefsinnige Zeichenhandlungen wie das Weihbuschen-Binden an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Ehrfurcht vor den guten Gaben der Natur, ein inniger Bezug zur göttlichen Schöpfung, Wertschätzung der heilenden Kräfte – das alles feiert die Katholische Kirche am Großen Frauentag, am 15. August. Entscheidend ist nicht die Zahl der Kräuter, die wir zum Segnen tragen, sondern die innere Einstellung, mit der wir das tun.

Wenn es Ihnen heuer – bedingt durch die Corona-Pandemie – nicht möglich ist, zum Gottesdienst in eine Kirche zu kommen, dann zögern Sie nicht, Gott selber um Segen zu bitten:

Segensbitte am Fest Mariä Himmelfahrt

Gott,
du hast Maria mit allem,
was sie als Person und Persönlichkeit ausgemacht hat,

in den Himmel aufgenommen,
hast sie heimgeholt zu dir
und belohnt, dass sie auf Erden wie ein Wohlgeruch war.
An ihrem Fest danken wir dir für die Wunder deiner Schöpfung.
Durch die Heilkräuter und Blumen schenkst du uns Gesundheit und Freude.
Wir bitten dich:
Segne die Kräuter und Blumen, die wir zum Strauß gebunden haben.
Mögen sie uns erinnern an die Liebe,
mit der du Maria und uns alle immer wieder beschenkst – überreich!
Gemeinsam mit der ganzen Schöpfung rühmen wir deine Güte

und danken dir für deine Fürsorge.
Amen.

Irmgard Huber