Frauenseelsorge

Erzdiözese München und Freising

Maria – eine unerschrockene Macherin

Für „Maria2.0“ spielt „Maria“ –wie man am Namen sehen kann, eine große Rolle. Sie ist uns „Marias“, wie wir uns manchmal gegenseitig nennen, eine gute Freundin, Kollegin, Mitstreiterin und auch Vorbild. 

Doch schon Novalis sieht Maria „in tausend Bildern“… und eine einseitig männliche, patriarchale und schließlich klerikale Theologie hat im Verlauf von 2000 Jahren aus einer jungen jüdischen Frau die Frau des Abendlandes gemacht, die man haben will: demütig, duldsam, passiv, gehorsam, abhängig, beschränkt, schweigsam, verklemmt, asexuell, gefügig, unterwürfig, lieb, brav, zurückhaltend, unantastbar, unselbstständig, …

Besonderes Interesse hatte die Theologie – anders als die Bibel – an Marias Sexualität, oder besser gesagt, an ihrer Nicht-Sexualität -  mit der Folge, dass Maria im Verlauf der Zeit sowohl Jungfrau, Braut und Mutter gleichzeitig werden konnte. Es gibt Marienstatuen, die Maria nicht einmal eine Brust zugestehen.

Also: Das offizielle Marienbild der kath. Kirche ist einseitig. Deshalb der Name Maria2.0 – um die verdrängten Eigenschaften, die sich in der Bibel finden, ans Tageslicht zu holen und dadurch dieser großen Frau und ihren hervorragenden Leistungen gerechter zu werden.

Maria hat die Anfrage des Engels positiv beantwortet, wurde daraufhin schwanger und gebar Jesus. Im Magnifikat spricht sie, von der Schicksalsgenossin Elisabeth ermutigt und von göttlicher Geistkraft bewegt, einen der spektakulärsten Texte der Christenheit. Sie stillte Jesus, erzog ihn gemeinsam mit Josef in der jüdischen Tradition und kam offensichtlich mit der Situation der „Patchwork-Familie“ mit einem „schwer erziehbaren Jesus“ (der 12-jährige im Tempel) gut zurecht. Die Hochzeit zu Kana schildert sie als unerschrockene, aktive, glaubensfeste, mutige Macherin, die nicht nur mit Jesus blutsverwandt, sondern auch geistesverwandt war. Maria ist bei Jesu Kreuzigung nicht geflohen und gehörte dann zum Jünger:innenkreis.

„Unsere“ Maria darf leben und Frau sein - wie wir. So staunen wir über den Mut, die Entschlossenheit und Tatkraft dieser Frau, die alle Karten auf Gott setzt.

Sr. Susanne Schneider,
Mitglied bei Maria2.0 München,
Mitglied bei OrdensFrauen für MenschenWürde

 

  • Wie würden Sie die Gottesmutter Maria beschreiben, was zeichnet sie aus?
  • Welche Bedeutung hat sie heute noch für Kirche und Gesellschaft?
  • Inwiefern versucht sich Ihre Initiative, sich an der Gottesmutter auszurichten, ihrem Vorbild nachzufolgen?

 

 


Die prophetische Stimme der Frauen

Ein großes Familienfest ist zugange und plötzlich geht der Wein aus. Diese Schrecksekunde kann sich jede und jeder gut vorstellen, der schon mal ein Fest geplant hat. Was ist da passiert? Wer hat falsch geplant?

Genauso erging es den Gastgebenden der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-11). Maria hatte wohl feine Antennen für diese peinliche Situation und fasst diese zusammen im knappen Satz: „Sie haben keinen Wein mehr.“ Jesus verweigert sich dem Hinweis seiner Mutter, sie aber bleibt hartnäckig: „Was er euch sagt, das tut“, sagt sie den Dienern. Damit ist sie es, die Jesus zumutet mit seinem Wirken an die Öffentlichkeit zu gehen und zu zeigen, dass Gott einer ist, der für die Menschen ein Leben in Fülle möchte. Es ist die erste von sieben Zeichenhandlungen im Johannesevangelium. Damit beginnt das öffentliche Wirken Jesu.

Natürlich hat nicht Maria das Wunder gewirkt, jedoch ist es ihrer Aufmerksamkeit zu verdanken, dass es geschah. Sie hat sozusagen das Einfallstor für Gottes Wirken in der Welt erkannt und sich mit prophetischer Beharrlichkeit dafür eingesetzt. Im Laufe der Kirchengeschichte waren und sind es immer wieder Frauen, die mit ihrem selbstbewussten Auftreten darauf hinwiesen, wie Gott in der Welt wirkt – durch Menschen und durch kirchliches Handeln im Geiste Christi.

Hildegard von Bingen, die vor 10 Jahren als vierte Frau überhaupt in den mittlerweile 36 Personen zählenden Kreis der sog. Kirchenlehrerinnen und -lehrer aufgenommen wurde, war so jemand. Sie versteht sich als visionäre Prophetin und setzte sich für eine Kirche ein, die den Menschen in den Mittelpunkt rückt.

Auch heute erheben die Frauen ihre Stimme. Sie werden laut. Engagierte Frauen, Journalistinnen und Professorinnen, die Missstände und Machtmissbrauch in der Kirche benennen. Frauen, die sich wie bei Maria 2.0 für Gleichberechtigung in der Kirche engagieren. Sie tun dies mit hohem Engagement, längst nicht mehr nur in den Pfarrräumen. Sie verbinden sich mit anderen Frauen und verschaffen den Anliegen damit den nötigen Nachdruck - wie Maria bei der Hochzeit zu Kana. Und da sind die Frauen, die die Kraft und den Mut aufbringen, das Schweigen zu brechen und mit dem Erzählen ihrer eigenen Missbrauchsgeschichte Widerstand zu zeigen. Für mich sind sie alle die prophetischen Stimmen der Frauen von heute. Ob sie gehört werden?

Papst Franziskus hat am Neujahrstag betont: „Eine Frau zu verletzen bedeutet, Gott zu beleidigen, der von einer Frau seine Menschengestalt angenommen hat." Ein klares Statement gegen alle Formen der Zurückweisung von Frauen und gegen sexualisierte Gewalt in der Kirche und außerhalb. Er betonte außerdem, wie sehr unsere Zeit die Frauen braucht, um Leben zu schützen und Friedensnetze zu knüpfen. Ich selbst kenne viele Frauen gerade im globalen Süden, die sich für die Weiterentwicklung ihrer Länder engagieren. Es ist aber an der Zeit, dass die Kirche selbst die weibliche Power im Raum der Kirche ernst nimmt. „Frauen stören. Und ohne sie hat Kirche keine Zukunft“. Dieser Buchtitel von Sr. Katharina Ganz bringt es auf den Punkt. Frauen stören immer noch das Machtgefüge, Frauen nerven mit ihren Diskussionen. Aber sie stehen damit ganz in der Tradition von Maria. Es ist an der Zeit, dass sich die Kirche endlich diesen Störungen stellt. Denn gerade an der Frauenfrage entscheidet sich, ob die Kirche glaubwürdig Zeugnis gibt von unserem Gott, der will, dass alle gleichberechtigt sind und ein Leben in Fülle haben – nicht erst später, sondern jetzt!

Claudia Pfrang

 

Erstveröffentlicht in Christ in der Gegenwart 3/2022

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