Frauenseelsorge

Erzdiözese München und Freising

Thereses „kleiner Weg“

2022 ist der 125. Todestag der Heiligen Therese von Lisieux (1873-1897). Und weil sich 2023 ihr Geburtstag zum 150. Mal jährt, hat man in Rom die Jahre 2022/23 zu Gedenkjahren für die Heilige Therese ausgerufen. Sie trägt den Beinamen „die kleine Therese“, um sie von ihrem Vorbild zu unterscheiden, der großen Teresa von Ávila, nach der sie bei Eintritt in den Karmel ihren Ordensnamen wählte: Theresia vom Kinde Jesus und vom heiligen Antlitz. Kennzeichnend für sie als religiöses Vorbild ist ihr sogenannter „kleiner Weg“: klein bleiben vor Gott, kleine Gesten der Liebe und der Freundlichkeit zeigen, sich auf Gottes Barmherzigkeit verlassen und nicht meinen, man müsse vor Gott das eigene Leben mit herausragendem Tun füllen, um Gnade zu finden. Gern verglich sie sich mit einem Kind, das, um anderen eine Freude zu machen, jeden Tag ein paar Blümchen auf der Wiese pflückt. Die kleinen Freuden, die sie oft unbemerkt anderen bereitet, auch jeder kleine Verzicht auf etwas, das anderen zugutekommt, das sind ihre „Blümchen“. Die älteren Mitschwestern hatten zunächst wenig Freude mit der jungen Nonne, die sich keiner geistlichen Führung anvertrauen wollte und in ihren selbständig betriebenen theologischen Studien zu von der gängigen Lehre abweichenden Ergebnissen kam. Trotzdem verblüffte die Eigenwillige immer wieder mit ihrem Scharfsinn. Als sie mit nur 24 Jahren an Lungen-TBC starb, veränderten die Schwestern ihre umfangreichen Tagebuch-Aufzeichnungen und veröffentlichten sie unter dem Titel „Geschichte einer Seele“. Vor allem die Erfahrung der Gottesferne, unter der Thérèse in den Monaten vor ihrem Tod zunehmend litt, sollte nicht an die Öffentlichkeit.

Der „kleine Weg“ machte Thérèse berühmt. Schon 1925 war sie nach erfolgreichen Fürbittanrufungen heiliggesprochen worden (Gedenktag: 1. Oktober).

1927 wurde sie, die zu Lebzeiten nicht weit gereist war und in strenger Klausur hinter Klostermauern gelebt hatte, zur Patronin der Weltmission erklärt, weil ihre Liebe so grenzenlos war. Die 1954 fertiggestellte und ihr geweihte Basilika in Lisieux zählt zu den größten Kirchenbauten des 20. Jahrhunderts und zieht jährlich bis zu zwei Millionen Pilger*innen an.

Der Schrein, in dem ihre Reliquien aufbewahrt werden, eine von brasilianischen Katholik*innen gestiftete Reliquienkassette, reist seit 1994 immer wieder in zeitlichen Etappen um die Welt und war schon in Ländern auf allen Kontinenten, unter anderem in Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Taiwan, Brasilien, Mexiko, Russland, Australien, USA, Burkina Faso, den Philippinen und dem Irak. Ende Mai macht er Station in der Münchner Innenstadt und wird mit einem umfangreichen Begleitprogramm in den Kirchen Hl. Geist und St. Peter ausgestellt. Auf diese Weise erhalten Menschen, denen es nicht möglich ist, nach Lisieux zu reisen, Gelegenheit zur Verehrung. Thereses Besuch in München steht unter dem Motto „Rosen für München“ in Erinnerung an ihre Worte auf dem Sterbebett: „Nach meinem Tod will ich es Rosen regnen lassen!“

Die zahlreichen Manuskripte, die die junge Frau in ihrer kurzen Lebenszeit anfertigte, wurden erst 1973 unredigiert veröffentlicht. Die Fachwelt staunte über die tiefsinnigen Gedanken – und das Volk verehrte die Heilige noch mehr. 100 Jahre nach ihrem Tod wurde sie 1997 zur Kirchenlehrerin erhoben. Ihre umfangreichen Werke sind inzwischen in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Große Theolog*innen unserer Zeit versuchen, ihre in mancher Hinsicht recht komplexe Theologie zu deuten, denn eines hatte sie sicher nicht, die „kleine Thérèse“: einen kleinen Verstand.

Thereses großer Traum

Die kleine Thérèse hatte einen großen Lebenstraum, der gern verschwiegen wird, weil er ungeheuerlich war und für manche immer noch ist: Thérèse fühlte sich zum Priester berufen; sie meinte wirklich das Amt! In frühen Aufzeichnungen ist ihr Wunsch noch nicht so eindeutig, ihr Sehnen geht aber schon in diese Richtung:

„Als beim Gebet meine Begierden mich ein wahres Martyrium erleiden ließen, schlug ich die Briefe des hl. Paulus auf, um irgendeine Antwort zu suchen. Das 12. und 13. Kapitel des ersten Korintherbriefes fiel mir in die Hände. Ich las im ersten, dass nicht alle zugleich Apostel, Propheten, Lehrer usw. sein können, dass die Kirche sich aus verschiedenen Gliedern zusammensetzt, und dass das Auge nicht zugleich Hand sein kann. Die Antwort war klar, stillte aber mein Sehnen nicht und brachte mir keinen Frieden. …“

Wenige Monate vor ihrem frühen Tod war sie sich jedoch ganz sicher, wozu Gott sie bestimmt hatte. Vom Krankenlager aus schrieb sie:

„Wenn ich hätte Priester werden können, hätte ich in diesem Juni die heiligen Weihen empfangen. Was tat also Gott? Damit ich nicht enttäuscht wäre, ließ er mich krank werden. Auf diese Weise konnte ich nicht dabei sein, und ich sterbe, bevor ich mein Amt ausüben könnte.“

Der Tod als göttliche Gnade, damit ihr der Schmerz erspart blieb, dass sie ihre Berufung zum Priesteramt nicht leben konnte? Verrückt? Oder doch wert, darüber nachzudenken? Eines zeigen diese Zeilen, immerhin Gedanken einer Kirchenlehrerin: dass es auch in früheren Zeiten Frauen gab, die sich zum Priesteramt berufen fühlten.

Quellen:
Therese vom Kinde Jesus: Selbstbiographische Schriften

Authentischer Text, übersetzt von O. Iserland und C. Capol. Einsiedeln 1958
Therese Martin: Ich gehe ins Leben ein - Letzte Gespräche der Heiligen von Lisieux. Leutesdorf 1979, S. 152

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