Frauenseelsorge

Erzdiözese München und Freising

Die heilige Cäcilia

*

„Du, meine Seele singe!“…

Was steckt in der Lebensgeschichte  dieser Heiligen, in den poetischen Bildern und Legenden,  die sich um ihre Gestalt ranken?
Cäcilia Metella war nach der Legende eine vornehme Römerin, die zum Christemtum übertrat, und ihren Bräutigam Valerian und Schwager Tibertius ebenfalls dazu bekehrte. Alle drei erlitten den Märtyrertod.
Cäcilia sollte im Dampfbad ihres Hauses ersticken, sie überstand dies und weitere Folterungen. Schließlich starb sie durch das Schwert. Bereits 821 wurde sie heilig gesprochen, ihr Kult lebte neu auf, als man ihren Leichnam unversehrt  in der nach ihr benannten römischen Basilika fand.

Erzählt wurde, dass sie am Tag ihrer Hochzeit himmlische Musik hörte. Diese mystische Erfahrung bewegte sie so stark, dass sie gelobte, jungfräulich zu bleiben und ihren Seelenbräutigam an die erste Stelle zu setzen.
Volksfrömmigkeit und Kunst sehen sie als Musizierende und bilden sie mit verschiedensten Instrumenten ab: mit Harfe und Taburin, und an der  Orgel. Vermutlich hat sie kein Instrument selbst erlernt und doch wurde sie über Jahrhunderte hindurch als Patronin der Kirchenmusik verehrt. Viele Chöre und Gesangsvereine tragen ihren Namen und begehen ihren Festtag am 22. November feierlich, z.B. mit der Cäcilienmesse.
Es steckt jedoch eine tiefe Wahrheit in diesen Zuschreibungen an Cäcilia, die zeitlos und wieder aktuell verstanden werden können: Cäcilias Weg zu Gott ging über die Brücke der Musik. Sie war eine HÖRENDE. Das erinnert an die biblische Maria, die Mutter Jesu, für die glauben zugleich hören bedeutete. Hinhören auf die Schwingung, den Ton, das Wort Gottes – auf die himmlische Musik, die von Gott kommt. So stand am Anfang ihrer Berufung diese „göttliche Lebensmelodie“, die zu ihrer eigenen wurde und der sie alles andere unterordnete. Die Engel als Gottes Lob und seine  Botschaft verkündende Wesen sind Mittler; und auch sie gibt es vielfach als Musizierende, einzeln und in der Gemeinschaft mit anderen.
So musiziert auch Cäcilia. Sie ist somit eine SPIELENDE mit Handorgel, Violine oder Orgel (wobei es letztere zu ihren Zeiten noch gar nicht gegeben hat!) Es geht eben um etwas anderes: Cäcilia entdeckte ihre ureigene Lebensmelodie und ließ sich davon ergreifen. Vielleicht hat sie auch getanzt nach dieser wunderbaren Musik, die sie vom Himmel geschickt empfand.
Immerhin ist in ihrer Geschichte von einem Hochzeitsreigen die Rede.
In der indianischen Spiritualität gibt es eine Vorstellung, die dort Ausdruck in der Visionssuche junger Menschen gefunden hat: jeder Mensch hat seine eigene Lebensmelodie vom Grossen Geist mit auf den Lebensweg bekommen. Sie soll gesucht und gefunden werden, verbunden mit der  je eigenen Lebensaufgabe. Hier fallen Selbstfindung und Hingabe ans Leben mit dem Weg zu Gott zusammen.
Auf vielen Darstellungen Cäcilias wirkt sie wie eine Meditierende, ja Entrückte. Auf die göttliche Musik hören geht ihr über alles! In diesem Zusammenhang macht sogar die Geschichte von der Bewahrung ihrer Jungfräulichkeit einen nachvollziehbaren Sinn. Denn in früheren Zeiten war das Verständnis von Jungfräulichkeit nicht ein rein biologisches, sondern bezeichnete eine junge Frau, eigenständig als solche und niemandem verpflichtet; also auch frei Gott an die erste Stelle in ihrem Leben zu setzen. Das hat sie getan. So kann die Cäcilienlegende als eine Berufungsgeschichte verstanden werden. Eine junge Frau in der Hingabe über das Hören der göttlichen Musik entscheidet eigenmächtig und gegen die Rollenerwartungen ihrer Zeit an sie und ihr Geschlecht, ihrer Lebensmelodie zu folgen:  im Glauben, Vertrauen und Handeln. Am Anfang war der Klang – und sie folgte ihm vorbehaltlos.

 

* Cäcilia, römische Märtyrerin, die zur Patronin der Kirchenmusik gewählt wurde und Jungfrau, die die eigene Lebensmelodie entdeckte als Hörende der himmlischen Musik und ihr inbeirrbar folgte.

Skulptur der hl. Cäcilia, Kirche in Oberstadion / Oberschwaben.


Druckversion