Frauenseelsorge

Erzdiözese München und Freising

Begegnung von Joachim und Anna

*

Kontemplation in der Begegnung und Berührung

Dieses Bild aus dem Rottenburger Diözesanmuseum zeigt anrührend die Szene des sich Wiederfindens des alten Paares Anna und Joachim nach seiner öffentlichen Ächtung im Tempel und ihrer längeren Trennung.

In der Mitte, im Vordergrund, ein sinnendes und einander sehr zugeneigtes Paar. Sie, verhüllt bis auf ihr Gesicht, in schlichtes Blau und Weiß gekleidet, (den Farben, die wir sonst als die  Farben der Jungfrau Maria kennen) steht da und staunt, ganz bei sich, gesammelt und sich öffnend, die Augen leicht nach oben und in die Ferne gerichtet, die Hände ebenfalls in öffnender und doch auch bewahrender Gebärde. Er, ihr zugeneigt, in Rot  und Grün gekleidet, ein „grüner Mann“ in den Farben des Lebens und der Liebe, berührt  sie Wange an Wange und sachte mit seiner geöffneten linken Hand. Ihrer beider Hände bilden so eine Senkrechte und Waagrechte, ein angedeutetes Kreuz: Himmel und Erde zusammen. Und er blickt in die andere Richtung in die Ferne und so scheint es, als kreuzte sich ihre Blickrichtung und sie finden sich wieder in einer ihnen gemeinsamen, dritten Wirklichkeit.
Beide tragen eine turbanartige Kopfbedeckung, die orientalisch anmutet, in den Farben hat er sich diesmal ihr angenähert; im weißblauen kegelförmigen Hut mit roter Quaste, die an die Kopfbedeckung der Derwische im Sufismus (einer mystischen Richtung im Islam) erinnert: Ihre Hüte sind mit ihrer Ausrichtung nach oben zu Gott hin, ohne Naht aus einem Stück – symbolisch ohne Anfang und Ende – gewebt. Sie trägt eine gewickelte schleierartige Haube in Weiß; beide stehen nahe beieinander vor dem Torbogen mit Säulencharakter, auf braunem, erdigen Grund.
Auf grünendem Hügel, rechts im Hintergrund, weiden Schafe, auch zwei  weitere Hirten sind da: einer hat sich hingekniet und schaut staunend nach oben, er erinnert so an einen der Hirten auf dem Feld von Bethlehem. Diese Verbindung hat der Maler vielleicht auch beabsichtigt! Denn es geht auch hier um die Ahnung, das Wissen, die Botschaft von einer besonderen Geburt: der Verheißung der Geburt der Gottesmutter.
Das Bild strahlt intensive Nähe und zugleich gesammelte Innenschau aus. Beide sind sie Schauende, Angerührte, Staunende angesichts der heilenden, segnenden und schöpferischen Wirklichkeit Gottes, die sie wieder zusammenführte. Gott ist ihr Hirte, der sie weidet auf grüner Au, wie es im Psalm 23 heißt. Und er lässt ihre Beziehung fruchtbar werden, segnet ihren erneuerten Bund und gibt ihrem Leben Richtung und Sinn. Und so bekommen Anna und Joachim ihr Kind Maria, und ihren Platz in der Heilsgeschichte und  werden zu Brückenheiligen zwischen dem Alten und Neuen Bund.
Ihre Geschichte, obwohl gut überliefert ab der Mitte des 2. Jahrhunderts nach Christi Geburt, im apokryphen Jakobusevangelium, fand keine Aufnahme im Kanon der biblischen Bücher. Mit ihren weisheitlichen Motiven und dem besonderen Blick auf die Frauen in diesem Zusammenhang, war sie aber durch viele Jahrhunderte in der christlichen Tradition beim Volk und den Künstlern sehr beliebt. Dieses Bild entstand in der Mitte des 15. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt der Annenverehrung im christlichen Europa.
Für heutige Glaubende und Suchende sind Anna und Joachim ein vorbildliches Paar, das in eine  schwere Ehe- und Glaubenskrise gerät, Trennung und Einsamkeit erfährt, wobei jeder für sich Trauerarbeit leisten muss um Verlorenes und Erlittenes, und  um ungelebtes  Leben. Und schließlich muss jeder von ihnen sich neu auf den Weg machen „hinunter“ heißt es im Text, und neu wieder aufeinander zu, mit nichts als einem Traum in sich und einem kleinen Pflänzchen Hoffnung. Und siehe da! Hier öffnet sich der Horizont vor ihnen, durchwandern sie die Pforte, wird ihnen neues Leben geschenkt: ein Kind, auch  neues Leben in ihrer Beziehung; und Gottes Segen im Überfluss auf  ihrem Weg in die Zukunft.

 

* Wiederbegegnung von Anna und Joachim, den Eltern Mariens - Kontemplation und Berührung - das Gottliche anwesend in der Mann-Frau-Beziehung.

Anna und Joachim neben der Goldenen Pforte, Meister des Bidpai, eines Künstlers aus dem Umkreis des in Ulm wirkenden Hans Mulscher +1467, um 1460, Diözesanmuseum Rottenburg/Stuttgart.


Druckversion