Die Sonderstellung der Jüngerin Maria in apokryphen Texten
Die Funde von Nag Hammadi
Die uns bekannten gnostischen Evangelien sind überwiegend in einem koptischen Dialekt verfasst, vermutlich eine Übersetzung aus dem Griechischen. Der Abfassungsort einiger Schriften dürfte anderswo sein, nicht Ägypten, sondern vielleicht Syrien, z. B. Ev Thom. Von diesen gnostischen Evangelien wissen wir erst seit 1945.
Damals machten ägyptische Bauern bei Nag Hammadi einen eigenartigen Fund. Am rechten Nilufer entdeckten sie Tonkrüge mit 13 Papyruskodizes, die offensichtlich 47 verschiedene christliche Schriften beinhalteten, Texte aus dem 1. und 2. Jh. n. Chr., kopiert im 4. Jh., darunter auch mehrere, die als Evangelien bezeichnet wurden und die bis dahin noch niemand kannte. Eine Sensation!
Allerdings dauerte es einige Zeit, bis die Kostbarkeiten in die Hände kompetenter Forscher*innen gelangten. Ein Teil der Papyri wurden leider sogar von der Mutter eines der Bauern als Heizmaterial verwendet, so dass die Texte z. T. nicht mehr vollständig sind. Ein Kodex ging ganz verloren. Erst nach den Funden von Nag Hamadi begann man auch andere Texte genauer zu untersuchen, die zwar schon viel früher aufgetaucht waren, aber von niemandem beachtet wurden.
Und in diesen Texten spielt erstaunlicherweise Maria Magdalena eine zentrale Rolle.
Das Evangelium nach Maria
Uns ist sogar ein Evangelium nach Maria erhalten geblieben.
Gemeint ist mit großer Wahrscheinlichkeit Maria Magdalena. Eine Abschrift des um 150 entstandenen Ev Mar kam bereits vor 1900 auf nicht mehr ganz nachvollziehbaren Wegen von Kairo nach Berlin, wurde aber erst nach den Funden von Nag Hammadi 1945 genauer analysiert und in die theologische Forschung einbezogen.
Es handelt sich um Gespräche des Auferstandenen mit den Jüngern, wobei Maria Magdalena den Jüngern hinterher die Worte des Erlösers erklären muss, da diese mutlos sind und überhaupt nichts verstanden haben von dem, was der Erlöser ihnen sagen wollte. Die Jünger tun sich jedoch schwer, Erklärungen einer Frau zu akzeptieren. Es kann doch nicht sein, dass eine Frau in ihrem erlauchten Kreis eine solche Vorrangstellung haben soll. (Vgl. Klauck, S. 212 u. 216)
p.9, 5-22:
Sie aber (die Jünger) waren betrübt, weinten sehr und sagten: „Wie sollten wir zu den Völkern gehen und das Evangelium vom Reich des Menschensohnes verkündigen? Wenn sie nicht einmal ihn verschont haben, wie werden sie dann uns verschonen? (Klauck, S. 212)
Nun handelt Maria wie eine Doppelgängerin des Herrn, umarmt die Jünger wie zuvor schon er selbst und erklärt ihnen noch einmal, was der Herr ihnen zu sagen versuchte:
Da stand Maria auf, umarmte und küsste sie alle und sprach zu ihren Brüdern: Weint nicht, seid nicht betrübt und zweifelt nicht, denn seine Gnade wird mit euch allen sein und wird euch beschützen. Lasst uns vielmehr seine Größe preisen, denn er hat uns verbunden und zu Menschen gemacht.“ Dadurch, dass sie dies sagte, wandte Maria ihr (d.h. der Jünger) Herz zum Guten, und sie begannen über die Worte des Erlösers zu diskutieren. (a.a.O. gemäß den Übersetzungen in Klammern)
In p.10 macht Petrus eine deutliche Aussage über die Sonderstellung der Maria unter den Jüngern:
p.10, 1-8
„Schwester, wir wissen, dass der Erlöser dich mehr liebte als die übrigen Frauen. Sage uns die Worte des Erlösers, an die du dich erinnerst, die du kennst, wir aber nicht, und die wir auch noch nicht gehört haben.“ Maria antwortete und sprach: „Was euch verborgen ist, ich werde es euch verkünden.“ (a.a.O.)
Es folgt eine Vision der Maria über den Aufstieg der Seele aus der irdischen Finsternis zum höchsten Himmel als spiritueller Weg. Der Jünger Andreas äußert anschließend seine Skepsis gegenüber der Vision Marias:
p.17,10-15
„Sagt, was meint ihr über die Dinge, die sie gesagt hat? Ich jedenfalls glaube nicht, dass der Erlöser dies gesagt hat. Denn wahrhaftig, diese Lehren sind abweichende Gedanken.“ (Klauck, S. 216)
Auch Petrus ist skeptisch, aber weniger wegen des Inhalts. Kann der Herr eine solche Geheimüberlieferung ausgerechnet einer Frau anvertraut haben?
p.17,15-22
„Hat er etwa mit einer Frau ohne unser Wissen und nicht öffentlich geredet? Sollen etwa wir selbst umkehren und alle auf sie hören? Hat er sie uns gegenüber bevorzugt? (a.a.O.)
Maria reagiert sehr emotional:
p. 18.1-5
Da weinte Maria und sprach zu Petrus: „Mein Bruder Petrus, was denkst du da? Denkst du, dass ich dies mir selbst in meinem Herzen ausgedacht habe oder dass ich über den Erlöser lüge?“ (a.a.O.)
Das Evangelium nach Philippus
Ein spannender Text aus der Nag-Hammadi-Sammlung ist das Ev Phil.
Vor allem diesen Text hat Dan Brown für seinen Roman „Sakrileg – Der Da-Vinci-Code“ ausgeschlachtet und eine erotische Beziehung zwischen Maria Magdalena und dem Erlöser hineininterpretiert.
§32
Drei (Frauen) hatten ständigen Umgang mit dem Herrn: Maria, seine Mutter, ihre Schwester und Magdalena, die „seine Gefährtin (seine Paargenossin)“ genannt wird. Die Schwester, die Mutter und die Gefährtin heißen nämlich alle „Maria“. (Klauck, S. 170f.)
Man gewinnt den Eindruck, die drei Marien sind drei verschiedene Spielarten der einen irdischen Partnerin, die der himmlische Erlöser braucht, um vollständig und geerdet zu sein.
Dass die Liebe zu Magdalena etwas Besonderes ist, finden wir in §55:
Und die Paargenossin des Erlösers ist Maria Magdalena. Der Erlöser liebte sie mehr als alle Jünger, und er küsste sie oft auf ihren Mund. Die übrigen Jünger [reagierten eifersüchtig und beklagten sich]: Sie sagten zu ihm: Weswegen liebst du sie mehr als uns alle?“ Der Erlöser antwortete und sprach zu ihnen: „Weswegen liebe ich euch nicht so wie sie?“ (Klauck, S. 171)
Das Evangelium nach Thomas
Dass die Vorbehalte gegen Frauen in Führungspositionen der Kirche groß waren, merkt man im Ev Thom.
Eine klare Aussage des Herrn ist erforderlich. Doch diese klingt für uns Frauen seltsam und beleidigend: Der Herr will Maria „männlich machen“, damit auch sie ins Himmelreich kommt.
EvThom 114
Simon Petrus sprach zu ihnen: „Maria soll von uns weggehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht wert.“ Jesus sprach: „Siehe, ich werde sie ziehen, auf dass ich sie männlich mache, damit auch sie ein lebendiger, euch gleichender, männlicher Geist werde.“ Denn (es gilt): Jede Frau, die sich männlich macht, wird eingehen in das Reich der Himmel. (Klauck, S.160)
Zu verstehen ist dieser Text nur, wenn man die gnostische Denkweise berücksichtigt. Auch hier gilt das dualistische Prinzip: Dem Mann wird der Geist zu geordnet, der Frau der Leib. Da der Geist gut, der Leib aber schlecht ist, kann nur eine Frau, die sich „männlich“ macht, also mehr auf den Geist als auf den Leib hört, ins Himmelreich.
Pistis Sophia
Bereits seit der Neuzeit bekannt sind auch gnostische Lehrgespräche aus dem 3. Jh., die Jesus als Auferstandener mit seinen Jüngern geführt haben soll. Der Text wird Pistis Sophia genannt, das heißt übersetzt: Glaube Weisheit.
Dort wird der Herr zitiert, wie er die Jüngerin Maria heraushebt aus der Schar der Jünger und dadurch Petrus gegen diese Frau aufbringt. Auch dieser Text fand erst nach den Nag-Hammadi-Funden Beachtung.
K. 17
„Maria, Du Selige, welche ich in allen Mysterien der Höhe vollenden werde, rede offen, denn du bist eine, deren Herz mehr ausgerichtet ist auf das Reich der Himmel als alle deine Geschwister.“
K. 36
Es stürzte Petrus vor und sprach zu Jesus: „Mein Herr, wir werden diese Frau nicht ertragen können, da sie uns die Gelegenheit nimmt und sie niemand von uns hat reden lassen, sondern vielmals redet.“
K. 96
„Aber Maria Magdalena und Johannes, der Jungfräuliche, werden allen meinen Jüngern überlegen sein.“
(Zitate aus Ruschmann S. 17)
Diese Jüngerin Maria hat in der Pistis Sophia einen herausragenden Part als Fragestellerin und Auslegerin. Auf sie fallen 62% der Gesprächsanteile. Der Zweitplatzierte, Johannes, folgt mit gigantischem Abstand und 9% (Zahlen: siehe Wikipedia/Maria Magdalena).
Fazit:
Die theologischen Aussagen können wegen der eindeutig gnostischen Weltsicht nicht mehr als christlich bezeichnet werden. Deshalb ist verständlich, dass diese Schriften nicht in die Bibel aufgenommen werden konnten.
Sie dürfen auch nicht als historische Abhandlungen über die Liebesbeziehung von Maria und Jesus verstanden werden. Christus und Maria werden gezeichnet als allegorisches Paar, himmlischer Erlöser und irdische Gefährtin mit hohem Grad an Erkenntnis, die helfen wollen, dass auch die Jünger erkennen. Es geht nicht um eine erotische Beziehung oder ehe-ähnliche Gemeinschaft.
Aber aus den apokryphen Texten kann man trotzdem einiges herauslesen, was Rückschlüsse auf die historischen Verhältnisse zulässt, z.B. dass Maria und Petrus irgendwie in Konkurrenz zueinander standen und dass Maria für Jesus eine große Bedeutung hatte, vielleicht im Sinne einer besten Schülerin, die die Eifersucht männlicher Jünger weckte bzw. den Männerzirkel störte.
Als die Frauen aus kirchlichen Leitungspositionen mehr und mehr verdrängt wurden, geriet auch die herausragende Rolle Maria Magdalenas in Vergessenheit.
Quellen:
•Klauck, Hans Josef: Apokryphe Evangelien. Eine Einführung, Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart, 2002
•Ruschmann, Susanne: Maria von Magdala. Jüngerin – Apostolin – Glaubensvorbild, Katholisches Bibelwerk e. V., Stuttgart 2003
Irmgard Huber
Erzbischöfliches Ordinariat München
Fachbereich Frauenseelsorge
Ausschnitte aus dem Vortrag „Maria Magdalena. Geschichte eines Rufmords“