Maria Magdalena – von der Apostola Apostolorum zur Magna Peccatrix und zurück
Was wurde aus der treuen Weggefährtin Maria Magdalena nach der Begegnung mit dem Auferstandenen und der Erfüllung des Verkündigungsauftrags? Ein kleiner Streifzug durch die Kirchengeschichte
Paulus und die Erstzeugen der Auferstehung
Bereits der erste große Theologe der Christenheit, Paulus, schien die Frau, die man „die Magdalenerin“ nannte, nicht zu kennen. Erstzeuge des Auferstandenen war für ihn Petrus. Verständlich, denn schließlich konnte eine Frau aus juristischer Sicht gar nichts bezeugen, sie galt als unmündig und daher nicht glaubwürdig. Welchen Sinn hätte es gehabt, sich auf sie zu berufen?
Die Kirchenväter und die Apostelinnen
Die Kirchenväter wussten erstaunlicherweise zunächst sehr wohl, wie bedeutend die Frauen im Freundeskreis Jesu waren.
Bischof Hippolyt von Rom (um 170-235) gebrauchte in seinem Kommentar zum Hohen Lied Anfang des 3. Jahrhunderts für die Frauen am Grab bereits den Begriff apostoli apostolorum. Indem Maria Magdalena und andere Frauen (Hippolyt erwähnt Marta) – die Auferstehungsbotschaft den anderen Aposteln verkünden, werden sie zu Aposteln der Apostel.
Hieronymus (347-419), dem wir die „Vulgata“ verdanken, die Bibelübersetzung aus dem Griechischen ins Lateinische, vermutete: „Der auferstandene Herr erschien als Erstes den Frauen, und sie wurden die Apostelinnen der Apostel, damit die Männer erröten, weil sie nicht suchten, was das schwächere Geschlecht fand.“ (aus: Vorwort zum Buch Zefanja)
Augustinus (354-430) nannte die Erstverkünderin zwar apostola apostolorum, doch seine Begründung für den an sie ergangenen Verkündigungsauftrag ist abwertend: Weil durch eine Frau, Eva, die Sünde in die Welt kam, muss eine sündige Frau nun auch die Erlösungstat Jesu Christi – Tod und Auferstehung – bezeugen.
Andere Kirchenväter wie Ambrosius o. Hilarius fanden die Erklärung plausibel und gaben sie als kirchliche Lehre weiter.
Die prägende Kraft der Magdalenenhomilien
Papst Gregor I. der Große (um 540-604) verfasste 591 eine Magdalenen-Predigtreihe und identifizierte wie schon namhafte Theologen vor ihm (z.B. Ambrosius, Hilarius, Cassian und Ephraim der Syrer) verschiedene Frauengestalten aus dem NT mit der Erstverkünderin. Er kombinierte:
• Die Sünderin im Haus des Pharisäers Simon (Lk 7), die bei den anwesenden Männern Anstoß erregte, weil sie Jesu Füße salbte, sei identisch mit
• der von Dämonen besessenen Maria aus Magdala (Lk 8), die sicher eine Sünderin auf sexuellem Gebiet gewesen sei (Wollust = Todsünde; spätere Deutung unter willkürlicher Erweiterung des Sündenregisters: Magdalena, die Frau, die alle 7 Todsünden begangen hat; die 7 Dämonen stehen für die 7 Todsünden);
• sie sei auch identisch mit Maria von Bethanien, die Jesus zu Füßen saß und – so die Interpretation – wegen ihrer Faulheit bei Schwester Marta Anstoß erregte (Lk 10); später habe sie Jesu Füße gesalbt und deshalb auch bei den Jüngern Anstoß erregt (Joh 12); das kostbare Öl habe die anstößige Sünderin aus schlechtem Gewissen ausgegossen; Jesus habe sie verteidigt wegen seiner großen Liebe zu reuigen Sündern.
Später wurde der Reigen von potenziell mit Magdalena zu identifizierenden Frauengestalten in Theologenkreisen noch erweitert.
• So wurde die Ehebrecherin aus Joh 8 dazugenommen;
• ebenso die legendäre Heilige Maria von Ägypten, eine Dirne aus Alexandria im 4./5.Jh, die zur Buße als Eremitin in die Wüste gegangen und dort von Engeln ernährt worden sein soll; man erzählt, als ihre Kleider allmählich zerschlissen und vom Leib gefallen waren, habe Gott ihr Haare am ganzen Körper wachsen lassen, damit ihre Blöße bedeckt war.
Die Magna peccatrix (Große Sünderin) und Poenitens (Büßerin), als welche Maria von Magdala den Volksglauben prägte (und in Goethes Faust II eine unvergessliche Rolle erhielt), ist also ein Konstrukt aus verschiedenen anrüchigen Personen. Aus der geheilten Jüngerin wurde die reumütige Hure.
Angesehene Gelehrte wie Hrabanus Maurus (um 780-856), Petrus Abaelardus (1079-1142) und Thomas von Aquin (1225-1274) tradierten zwar durchaus den ehrenvollen Begriff Apostola Apostolorum, jedoch ohne die Verwechslung aufzuklären.
1517 unternahm ein humanistischer Gelehrter an der Sorbonne, Jacques Lefèvre (um 1450-1536), den Versuch, die Kombination kritisch zu analysieren und den einzelnen Frauengestalten ihre Identität zurückzugeben. Er entfachte einen heftigen Exegetenstreit. Als er obendrein 1523 wie Luther eine Übersetzung der Bibel in der Landessprache veröffentlichte, wurde er zum Ketzer erklärt. Er musste fliehen und konnte erst zurückkehren, als sich die (kirchen-) politische Gesamtlage änderte. Offiziell erfolgte eine scharfe kirchliche Stellungnahme zur unzweifelhaften Einheit der Frauen.
Schluss mit dem geschmacklosen Magdalenensüppchen
Erst 1969 nahm der Vatikan diese Aussagen über die zusammengekochten Frauengestalten auf Drängen der Ostkirche zurück, wo Maria Magdalena schon immer als erste Zeugin der Auferstehung hoch verehrt wurde und nie den Makel trug, schwer gesündigt zu haben. Es dauerte bis 1978, dann erst wurden die Beinamen Magna Peccatrix und Poenitens aus dem Römischen Brevier gestrichen.
Ein Fest für die Apostelin, aber kein Amt
Auf Wunsch von Papst Franziskus (1936-2025) wurde der gebotene Gedenktag der Hl. Maria von Magdala 2016 zum Fest erhoben. Für das Apostelinfest wurde eigens eine Präfation verfasst – eine besondere Ehre. Problematisch wurde die Übersetzung der Präfation aus dem Lateinischen ins Deutsche, denn für die Ämterfrage enthält die lateinische Fassung Zündstoff. Was sollte man tun mit der Textstelle apostolatus officio coram apostolis? Die führenden Liturgiker im deutschsprachigen Raum entschieden sich nach zweijährigen Beratungen für eine freie Übersetzung: der Begriff officium wurde weggelassen, coram wurde falsch übersetzt: für statt im Beisein von, vor. Nun verkündet die Apostelin den Aposteln, damit diese die Frohbotschaft in die Welt tragen können. Als Begründung für die freie Übersetzung wurde angeführt: Man habe Missverständnissen vorbeugen wollen, denn es hätte sonst vermutet werden können, einer Frau sei durch Christus ein Amt übertragen worden, was in Studienübersetzungen durchaus angeklungen war. Außerdem wäre eine wörtliche Übersetzung schlecht zu singen gewesen. Ein gewichtiges Argument!
Irmgard Huber, Frauenseelsorge München, 2025